Sport : Sicher wird’s später

Die italienische Fußballliga startet am Sonntag in die neue Saison und wird begleitet von Finanzchaos, Korruption und Krawallen

Paul Kreiner[Rom]

Treviso versprüht einen fast schwäbischen Charme. Die italienische Stadt nördlich von Venedig ist ein wenig bieder, verhältnismäßig wohlhabend und hat fleißige Bewohner. In Treviso hat die Modekette Benetton ihren Sitz und ein Fußballverein, der sich auf einem Platz in der zweiten italienischen Liga gemütlich eingerichtet hatte. Unverschuldet wird Treviso FBC nun aus dieser Gemütlichkeit herausgerissen. Weil ein paar sportlich erfolgreichere Klubs mit ihren Finanzen nicht klargekommen sind und sie deshalb ihren Platz in der Ersten Liga räumen mussten, wurde der Verein ebenso wie Ascoli Calcio vom Verband in die Serie A „hochgefischt“, wie man in Italien sagt.

Da steht Treviso nun, in einer Liga mit Klubs wie Meister Juventus Turin, der gerade den Franzosen Patrick Vieira für 20 Millionen Euro vom FC Arsenal gekauft hat. Treviso kann es sich nicht einmal leisten, sein 9500 Besucher fassendes Stadion auf das von der Serie A geforderte Fassungsvermögen von 15 000 auszubauen – geschweige denn, alle Sicherheitsauflagen, die Innenminister Giuseppe Pisanu im Juni verordnet hat, bis zum ersten Spiel am Sonntag umzusetzen. So muss eine Pufferzone ums Stadion errichtet werden, damit sich die Tifosi zweier Teams nicht mehr in die Quere kommen. Außerdem schreibt das Gesetz Drehkreuze vor, die Videokontrollen ermöglichen und einen Massenansturm auf die Ränge verhindern sollen. Erstmals müssen auch Ordner eingesetzt werden, bis zu 400 pro Spiel. Und schließlich muss der Ticketverkauf aufwändig umgestellt werden: Von Samstag an dürfen die Eintrittskarten ausschließlich gegen Name, Anschrift und Steuernummer ausgegeben werden. Künftig muss sich jeder Stadiongast ausweisen, seine Daten werden sieben Tage lang gespeichert.

Doch nicht nur in Treviso werden die Vorgaben vorerst nicht in die Tat umgesetzt. Fast alle Klubs erklären, sie würden mit der Umrüstung ihrer Arenen nicht rechtzeitig fertig. Eine Polizeigewerkschaft fordert deshalb, Minister Pisanu solle den Start der Fußballsaison verschieben. Zumindest in der Serie B ist es jetzt tatsächlich so weit gekommen: Sechs Spiele, die am Samstag ausgetragen werden sollten, wurden vom Spielplan gestrichen. Die Bürgermeister der Austragungsstädte begründeten ihre Entscheidung damit, dass die Sicherheit am für italienische Verhältnisse ungewöhnlichen Spieltag nicht gewährleistet sei. Man könne an einem Samstag nicht wegen eines Fußballspiels die Innenstadt lahm legen.

Die Angst der Bürgermeister ist nicht unbegründet. In Genua hat sich gezeigt, wozu die Fans fähig sind: Gleich zwei Augustnächte lang lieferten sich Anhänger des örtlichen FC Straßenschlachten mit der Polizei, weil der Aufstieg ihres Vereins in die Erste Liga als gekauft eingestuft und der Klub in die Serie C verbannt wurde. Auch in Turin gab es am Donnerstag Krawalle: Rund 200 Fans des AC randalierten vor dem Rathaus und verletzten 13 Polizisten zum Teil schwer. Der mit 38 Millionen Euro Steuerschulden belastete Aufsteiger hatte die Erstliga-Lizenz nicht erhalten und war wie Genua in die dritte Liga zurückgestuft worden.

Der süditalienische Klub Reggina Calcio wollte ein solches Szenario verhindern und schloss deshalb mit dem Finanzamt einen Vertrag zur Schuldenregelung – legte ihn aber erst nach Ablauf aller Fristen vor. Aus nicht recht durchschaubaren Gründen darf Reggina trotzdem in der Serie A bleiben. Darüber wiederum regt sich Absteiger Bologna heftig auf und fordert Regginas Platz in der Serie A. „In der Serie B gehen uns allein 35 Millionen Euro für Übertragungsrechte verloren“, schimpft Eigentümer Giuseppe Gazzoni Frascara.

Das Fernsehgeld hat den italienischen Fußball längst gespalten. Die Klubs der Serie A haben die Zweitligisten aus dem gemeinsamen Verband hinausgedrängt, weil sie nicht länger teilen mochten. Auch die Vergabe der Rechte soll nicht ganz sauber abgelaufen sein. Erstmals wird Silvio Berlusconis Konzern Mediaset die Spiele übertragen, und das staatliche Fernsehen Rai behauptet, das Milliardengeschäft habe Adriano Galliani schon zuvor ausgehandelt. Der Chef der Ersten Liga ist gleichzeitig Berlusconis Statthalter beim hauseigenen Verein AC Mailand und Mediaset eng verbunden. Um ganz sicher zu gehen, dass sein Programm auch geschaut wird, hat sich Silvio Berlusconi etwas Besonderes einfallen lassen: Jeder Italiener, der sich einen Mediaset-kompatiblen Decoder angeschafft hatte, erhielt 150 Euro aus Steuergeldern. Fußball ist in Italien eben immer noch Staatsangelegenheit.

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