Sport : Sicherheit durch Risiko

Die Langzeitverletzten van Burik und Simunic bringen Hertha den Erfolg zurück

Michael Rosentritt

Berlin. Der große, schwarze Ledersessel schnaufte, als sich Huub Stevens niederließ. Herthas Trainer machte mal Pause. Zum Verschnaufen. „Die Stammformation, wie ich sie im Kopf habe, konnten wir hier noch nicht sehen“, sagte der Niederländer. Das war Montag und die schlimme Niederlage gegen Bremen eineinhalb Tage alt. Einen Tag später sah die Welt schon anders aus. Nach dem 2:1-Sieg über den FC Fulham im Hinspiel der dritten Runde des Uefa-Cups ist Stevens seiner Wunschformation ein großes Stück näher gekommen. In Dick van Burik und Josip Simunic sind zwei Schlüsselspieler nach langer Verletzungspause zurückgekehrt. Und das ist dem Trainer ebenso viel wert wie das nackte Ergebnis, das ein Erreichen des Achtelfinals möglich macht.

Gegen Bremen hatte die Mannschaft auf der ganzen Linie versagt. Zum wiederholten Male konnte ein richtungweisendes Spiel nicht gewonnen werden. Stevens sagte: „Ich muss der Truppe wieder Vertrauen geben.“ Über Nacht geht so etwas eher nicht, wohl aber über Personen. Über Personen wie die Spieler Dick van Burik und Josip Simunic, die wegen ihrer fußballerischen Künste, vor allem aber wegen ihrer Mentalität großen Einfluss auf die Mannschaft haben. Der Niederländer und der Kroate zählen zum Mannschaftsrat der Berliner. Mit ihnen auf dem Feld wirkt das Team weniger labil. Beide Spieler strahlen Sicherheit aus, nach hinten zum Torwart, zur Seite zu den Abwehrspielern aber auch nach vorn in die Offensive hinein. Da wird kein Ball planlos nach vorn geschlagen, sondern überlegt herausgespielt.

Wie wichtig diese beiden Spieler für Hertha sind, beweist eine ungewöhnliche Maßnahme im Falle von Simunic. Anfang September hatte sich der 24-jährige kroatische WM-Teilnehmer im Pokalspiel in Kiel einen Riss des Syndesmosebandes im linken Sprunggelenk zugezogen. Zwölfeinhalb Wochen war er verletzt. Aber entgegen der Vorgabe von Stevens brauchte sich Simunic nicht erst Spielpraxis in der Amateurmannschaft zu holen, wie das bisher Spieler wie Beinlich, Alves, Schmidt oder Rehmer mussten. „Der Trainer hat mich einen Tag vor dem Spiel gefragt, wie ich mich fühle und ob er das Risiko eingehen kann, mich zu bringen“, sagt Simunic. Seine Verletzung bereite ihm keine Probleme mehr, sagt er, aber seinen persönlichen Fitnesszustand beschreibt Simunic mit „60 bis 70 Prozent“. Offenbar ist das dem Trainer so viel wert, dass er andere, im Zweifelsfall fittere Spieler auf der Bank belässt.

Ähnlich verhält es sich bei Dick van Burik, dem eigentlichen Abwehrchef. In einem Testspiel im Sommer gegen Fenerbahce Istanbul hatte der 28-Jährige einen Muskelbündelriss erlitten. Van Burik aber wurde gebraucht. So quälte er sich durch zwei Bundesligaspiele und das Uefa-Cup-Rückspiel gegen Aberdeen. Vier Tage später, am 5. Oktober gegen Nürnberg, streikte sein Körper erneut. Seitdem litt van Burik unter einer schmerzvollen Reizung der Achillessehne. Herthas Mannschaftsarzt Ullrich Schleicher sprach damals von einer Folgeverletzung. „Er hätte schon vorher eine Pause machen sollen, aber die Mannschaft hat ihn gebraucht.“

Huub Stevens gilt als ein Trainer, der das Risiko, mit angeschlagenen Spielern aufzulaufen, nur sehr ungern eingeht. 26 Spieler kamen an 14 Spieltagen dieser Saison unter ihm zum Einsatz. Nur Cottbus (27) übertrifft diese Zahl. „Aber manchmal ist es notwendig, ein solches Risiko einzugehen“, sagt Stevens. Gegen Fulham spielte van Burik in der Dreier-Abwehrkette einen klassischen Libero, um so eine Absicherung gegen Fulhams schnelle Stürmer zu haben. Es funktionierte. Man konnte es bis hoch auf die Ränge spüren, dass sich die Manndecker Friedrich und Nené sicherer fühlten mit einem solchen Mann an ihrer Seite.

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