Sicherheit in der Formel 1 : Cockpits wie im Kampfjet

Ist das Risiko in der Formel 1 für die Fahrer zu hoch? Der Motorsportweltband testet bereits neue Sicherheitsstandards. Aber nicht jeder ist von den Ideen begeistert.

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Auto im Anflug. Romain Grosjean (vorn) fliegt in Spa in seinem Rennwagen durch die Luft. Fernando Alonso im Ferrari kommt mit dem Schrecken davon.
Auto im Anflug. Romain Grosjean (vorn) fliegt in Spa in seinem Rennwagen durch die Luft. Fernando Alonso im Ferrari kommt mit dem...Foto: dpa

Braucht die Formel 1 in Zukunft geschlossene Cockpits? Zum Beispiel mit Glashauben ähnlich wie in Kampfjets. Oder auch mit einer Art Gitterkonstruktion mit zusätzlichem Überrollbügel vor dem Cockpit? Nach dem spektakulären Unfall am vergangenen Wochenende in Spa ist die Sicherheitsdebatte zumindest neu entbrannt. Beim Großen Preis von Belgien wäre WM-Spitzenreiter Fernando Alonso beinahe vom fliegenden Auto Romain Grosjeans am Kopf getroffen worden. Seither wird im Fahrerlager diskutiert. Und nicht nur da. Überlegungen gibt es zum Beispiel beim Motorsportweltband Fia schon seit einiger Zeit.

Seit etwa einem Jahr werden in einem eigens deshalb gegründeten Institut entsprechende Tests durchgeführt, zum Beispiel werden Reifen mit Geschwindigkeiten von bis zu 225 km/h auf eine Kuppelstruktur aus durchsichtigem Polykarbonat geschossen. Im Moment scheint die Tendenz eher zu den Kuppeln zu gehen, bei der Gitterstruktur gibt es Bedenken, dass durch die Streben die Sicht der Fahrer zu sehr eingeschränkt werden könnte. „Obwohl auch das eher eine Sache der Gewohnheit wäre“, meint Paddy Lowe, der Technische Direktor von McLaren, der in das Fia-Entwicklungsprogramm eingebunden ist. Außerdem könnten kleinere Teile wie etwa die Feder aus dem Barrichello-Auto, die 2009 in Ungarn Felipe Massa am Kopf traf und schwer verletzte, trotzdem durch eine solche Struktur eindringen.

Generell findet die Idee geschlossener Cockpits fast logischerweise nicht überall Anklang. Das Ganze sei ziemlicher Blödsinn, undurchführbar – und außerdem sei das keine Formel 1 mehr, tönt etwa Niki Lauda. So etwas werde nie kommen – und müsse es auch nicht, „nur weil sich einer deppert angestellt hat.“ Lauda findet durchaus Zustimmung, auch bei lange etablierten Medienvertretern und einigen Fans. Ein bisschen kommt da der Unterton durch, Motorsport sei nun mal gefährlich, das Risiko gehöre dazu, dafür würden die Piloten schließlich auch gut bezahlt. Und wer das Risiko scheue, der müsse ja nicht Formel 1 fahren.

Viele aktive Fahrer sind allerdings anderer Meinung. „Geschlossene Cockpits müssen die Zukunft sein“, meint Michael Schumacher. Sebastian Vettel ist zwar „kein Fan von der ganzen Sache, weil es nicht schön aussieht.“ Aber er gibt zu, dass in diesem Punkt wohl doch der Verstand über die Emotion siegen müsse. „Wenn man vor allem nach der Optik ginge, hätten die Autos generell nicht die heutigen Sicherheitsstandards.“ Die Vernunft spreche also schon dafür – „und wenn irgendein Teil auf dich zufliegt, dann wünschst du dir wahrscheinlich sowieso ganz schnell eine solche Kuppel“. Felipe Massa glaubt sogar, „dass die Autos vielleicht gar nicht so schlecht aussehen würden. Man könnte das doch so richtig schön spektakulär und futuristisch machen.“ Einzig Nico Hülkenberg schließt sich eher der „traditionellen“ Richtung an: „So richtige Formel 1 wäre das für mich dann nicht mehr, mit geschlossenen Autos.“

In einem sind sich allerdings auch die eindeutigen Befürworter der Hauben-Lösung einig. Man dürfe bei der Einführung nichts überstürzen. Denn das Projekt ist eine komplizierte Sache. Abhängig von verschiedenen Technologien sind viele Aspekte zu bedenken: die Sicherheit bei Regen, Wärmeentwicklung und Belüftung sowie die Möglichkeit, bei einem Unfall die Haube schnell von außen öffnen zu können. „Das muss vorher alles genau geklärt und durchdacht sein, nicht, dass man sich durch einen Schnellschuss dann noch mehr Probleme einhandelt“, sagt Sauber-Geschäftsführerin Monisha Kaltenborn.

Dazu kommt bei allen Diskussionen um erhöhte passive Sicherheit ein Aspekt, der nicht ganz zu vernachlässigen ist: Je größer die „gefühlte“ Sicherheit, desto größer wird oft auch die Risikobereitschaft der Fahrer. „Die Angst der Fahrer vor einer Kollision ist heute zurückgegangen ist, weil man nach einem Unfall meistens einfach aussteigt und weggeht. Früher war das nicht so, da hat man sich viel schneller verletzt, und es gab sogar immer wieder Tote,“ sagt Bruno Senna. „Wichtig wäre wieder mehr Respekt unter den Fahrern – das würde auch zu mehr Sicherheit beitragen.“ Wobei sich solche Unfälle wie zuletzt in Spa trotzdem nicht immer verhindern ließen. „Diese Sachen werden immer wieder mal passieren“, sagt Senna. Und hofft, „dass es nicht doch noch einmal schwerere Folgen hat, bevor wir mit dem Kuppel-System so weit sind“. Zu Beginn der Fia-Testreihe war einmal von einer möglichen Einführung für 2014 die Rede – wenn ohnehin ein ziemlich verändertes Reglement eingeführt werden soll.

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