Sport : Sicherheitskräfte machen Jagd auf Bayer-Fans

HARTMUT SCHERZER

Unwürdige Szenen nach Leverkusens 2:0-Sieg bei Lierse SK / 15 Festnahmen, zahlreiche VerletzteVON HARTMUT SCHERZER GENT.Christoph Daum referierte salbungsvoll über ein schwaches Spiel, das für ihn dennoch ein "weiteres Highlight" war."Spiele in der Champions League sind immer ein Fußballfest." Von wegen.Für knapp 1000 Leverkusener Fans geriet die Fete zum Horror.Für die Bayer-Anhänger endete das "Fußballfest" im Ottenstadion von Gent mit einer "Blutschlacht", wie es Manager Reiner Calmund recht drastisch ausdrückte.Denn während Daum auf der Pressekonferenz den 2:0-Sieg Bayer Leverkusens gegen Lierse SK schönredete, die schnelle Reaktion der Torschützen Emerson und Kirsten lobte, während der Trainer sich darüberhinaus bereits auf das "Endspiel um den Gruppensieg" gegen AS Monaco freute, wurde draußen der Leverkusener Fan-Block mit Wasserwerfern, Tränengas und Knüppeln "niedergewalzt" (Calmund).Aus der Pressekonferenz war der Manager zum Schlagschauplatz geholt worden, wagte sich zusammen mit Geschäftsführer Kuno Wack in die Schlacht im Fanblock, um zu beschwichtigen, "obwohl ich selbst mit dem Knüppel bedroht wurde und mir die Düse eins zu tausend ging".Mit einer "völlig überzogenen Reaktion" hätten die meist "sehr jungen und nervösen" Sicherheitskräfte einer Sondereinheit den Block "durchstöbert" und "wahllos" auf alles eingeschlagen."Frauen und ältere Menschen lagen blutüberströmt und bewußtlos auf der Erde." Calmund sprach von rund 20 Verletzten, darunter einige schwer.Die Polizei von Gent zählte anderntags in einem offiziellen Kommunique neun Verletzte, davon sieben Zuschauer und zwei Sicherheitsmänner.15 Personen seien vorübergehend festgenommen worden. Die eigentliche Polizei habe die Aktion abbrechen wollen, berichtete Calmund, was ihr aber nicht gelungen sei, da sie offenbar unter einem anderen Kommando gestanden habe.Calmund hörte sich an wie ein "Kriegsberichterstatter".Den Sanitätern sei der Zutritt zu dem Block durch die Türen von der Polizei verweigert worden.Die Frauen und Männer vom "Het Vlaamse Kruis" rissen daraufhin Balustraden mit Reklametafeln nieder und zwängten sich unter den Gittern hindurch, um die Verletzten auf Tragen wegzuschleppen."Die haben sich mutig reingeschmissen, und dafür werden wir sie nach Leverkusen einladen", dankte Calmund dem Rettungsdienst. Der Schlageinsatz geriet der Einsatzleitung völlig außer Kontrolle.Wie Hooligans in Uniform prügelten die belgischen "Sicherheitskräfte" auf die deutschen Schlachtenbummler ein."Da hätte es Tote geben können", stammelte Wack."Natürlich gibt es unter unseren Fans 20 Bekloppte", räumte Calmund ein, "aber der Rest waren alles friedliche Leute, die Panik und Angst hatten und aus dem Block raus wollten, aber nicht konnten." Keiner wußte so recht, was den Schlageinsatz ausgelöst hatte.Die Leverkusener Zuschauer waren in dem Block hinter einem Tor eingepfercht und hatten bis eine halbe Stunde nach Spielschluß zu warten, ehe sie von der Polizei zum Bahnhof geleitet wurden.Offenbar wollten schon vorher Bayer-Fans raus aus dem Block. "Wir werden alle rechtlichen und politischen Mittel ausschöpfen, um die Schuldigen zur Verantwortung zu ziehen", sagte Calmund.Wie die Vereinsführung gestern mitteilte, soll bei der Europäischen Fußball-Union (UEFA) sowie beim belgischen Innenministerium eine Protestnote abgegeben werden.Darüber hinaus wird der Klub bei der belgischen Polizei eine Dienstaufsichtsbeschwerde einreichen."Für uns ist es eine neue Dimension, daß die Gefahr in den Stadien neuerdings von Polizeikräften ausgeht", so Calmund.

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