Sport : Sie geben sich bescheiden

Der FC Chelsea will künftig leiser auftreten – Trainer Mourinho stört das nicht

Raphael Honigstein[Los Angeles]

Die Sitzordnung war etwas irreführend. Von allen Teilnehmern des Turniers mit dem großspurigen Namen „The World Series of Football“ in Los Angeles hatte man ausgerechnet den Vertreter des FC Chelsea an den Rand gesetzt. Doch eine Randfigur ist José Mourinho, der Trainer des Londoner Klubs, ganz bestimmt nicht. Der Portugiese stand natürlich im Mittelpunkt, und wie immer, wenn der 44-Jährige ins Reden kommt, droht der Betriebsfrieden in Gefahr zu geraden. Dem FC Chelsea ist das gar nicht mehr so genehm.

Der Klub will nach einer konfliktreichen Saison alles ein bisschen leiser und bescheidener angehen. Geschäftsführer Peter Kenyon versucht derzeit verzweifelt, aus dem Spielzeug eines russischen Oligarchen einen normalen Verein zu machen. Drei der vier Neuzugänge, Verteidiger Tal Ben Haim (Bolton), Mittelfeldspieler Steve Sidwell (Reading) und der frühere Münchner Claudio Pizarro kamen ablösefrei an die Stamford Bridge, Flügelstürmer Florent Malouda (Lyon) kostete 22 Millionen Euro. Für den FC Chelsea sind das geradezu knauserige Zahlen. „Wir wollen bis 2010 finanziell unabhängig sein“, sagt Kenyon, „auch für uns gibt es ein Budget.“ Die beiden Leistungsträger Frank Lampard und John Terry sind deswegen bisher mit ihren Wünschen nach neuen Verträgen und der Aufstockung ihrer Gehälter auf das Niveau von Michael Ballack (um die neun Millionen Euro jährlich) abgeblitzt. „Roman Abramowitsch hat nicht gesagt, dass das Scheckbuch geschlossen ist“, sagt der Vorstandsvorsitzende Bruce Buck zwar, „für den richtigen Mann und den richtigen Preis sind wir bereit, Geld auszugeben“. Diese Einschränkung unterstreicht aber nur die neue Strategie.

Allmählich lernen sie bei Chelsea, Nein zu sagen. Nur Mourinho hat noch nicht erkannt, dass weniger mehr sein kann. Auf der Werbe- und Trainingsreise nach Kalifornien, wo der Klub unter anderem einen Kooperationsvertrag mit dem Walt-Disney-Konzern unterzeichnete und am Samstag auf L.A. Galaxy, den neuen Verein von David Beckham, trifft, lässt er es sich nicht nehmen, mit bösen Spitzen die Berichterstattung zu monopolisieren. Den neuen Sportdirektor Avram Grant, einen israelischen Intimus des Eigentümers Abramowitsch, wies er bereits vor seinem Amtsantritt kühl in die Schranken. Grant werde sich nicht in seine Zuständigkeiten einmischen, sagte Mourinho; Grant hatte ursprünglich vorgehabt, neben dem Trainer auf der Bank zu sitzen.

Auch der noch unter den Folgen einer Knöcheloperation leidende Michael Ballack, der zurzeit in London am Comeback arbeitet und deshalb die Reise nicht mitmachen konnte, wurde mit dem populistischen Hinweis bedacht, dass er „bei null anfangen“ werde und sich seinen Platz im Mittelfeld erst hart erkämpfen müsse. Man kann das getrost als Motivationstrick abbuchen. Die Botschaft galt aber auch Abramowitsch. Mourinho hat sich mit dem Russen nach eigenen Angaben endlich ausgesprochen. Mit dem kleinen Seitenhieb auf Ballack und einer neuen Attacke auf Andrej Schewtschenko, den besonderen Liebling des Milliardärs, hat der Portugiese jedoch demonstriert, dass er sich auch in Zukunft den Wünschen seines Chefs nicht beugen will. Immerhin hat Mourinho nach dem Treffen die Präferenz für das 4-3-3-System mit Flügelstürmern wiederentdeckt. Die Rückkehr zum Erfolgssystem der ersten beiden Meisterjahre müsse Ballacks Chancen auf einen Stammplatz nicht zwangsläufig verschlechtern: Mourinho sagte in Los Angeles, dass er den Spieler „sehr mag“.

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