Sport : Sie kann es auch alleine

Nach zweimal Staffelgold feiert Franziska van Almsick einen triumphalen EM-Sieg über 100 Meter Freistil

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Von Frank Bachner

Berlin. Jetzt war Bahn vier dran, die Vorstellung der Schwimmerin auf dieser Position. Und Bahn vier war am wichtigsten. Natürlich wusste der Hallensprecher das. Also dehnte er den n der Schwimmerin wie es Ringsprecher beim Boxen machen. „Franziiiiska vaaan Almsiiiick“, dröhnte es durch die Halle an der Landsberger Allee. Drei Minuten später, das Rennen war vorbei, sagte er noch irgendwas, aber das verstand kein Mensch mehr. Es ging unter im Lärm in der Halle. Franziska van Almsick war gerade Europameisterin über 100 m Freistil geworden. Sie hatte nach 54,39 Sekunden angeschlagen. So schnell war sie noch nie über diese Distanz. Sie hatte ihren ersehnten Einzel-Titel. Zweimal Gold mit den Freistil-Staffeln, das war schon gut, aber jeder wartete natürlich auf die Einzel-Goldmedaille. Auch Franziska van Almsick. Und ihre ganze Anspannung entlud sich in einem fast kindischen Hüpfen. Ihre Sprünge hinter dem Startblock wirkten ein bisschen ungelenk, gerade deshalb war dieser Jubel so authentisch. Es war keine Inszenierung, Franziska van Almsick nahm nicht huldvoll den Jubel für ihren 19. EM-Sieg entgegen, sie freute sich, als hätte sie gerade zum ersten Mal in ihrem Leben einen wichtigen Titel gewonnen.

„So glücklich wie heute war ich schon lange nicht mehr“, sagte sie in der Mixed Zone, wo die Journalisten warteten. Dann zögerte sie kurz und sagte: „Vielleicht war ich noch nie so glücklich wie in diesem Moment.“ Das hat nichts mit dem Titel zu tun, das hat etwas mit diesem Publikum zu tun. Dieser Jubel transportierte, für jeden hörbar, Herzenswärme. Nicht die Lautstärke war entscheidend, die Intensität des Jubels war es.

„Sie ist clever geschwommen", lobte der frühere Frauen-Bundestrainer Achim Jedamsky, „sie ist nicht zu schnell angegangen.“ Vor allem hat sie nicht zu ihren Konkurrentinnen geschaut. „Ich habe mich zum ersten Mal seit sechs Jahren ganz auf meine Stärken verlassen. Früher habe ich immer beobachtet, wie cool die anderen durchs Wasser gingen“, sagte sie. Zur Zeit fühle sie sich ohnehin so glücklich, das ganze Umfeld stimme. Und dann diese Zeit: Gestern schon hatte sie ihren persönlichen Rekord auf 54,48 Sekunden geschraubt. Davor war sie neun Jahre lang nicht Bestzeit über 100 m Freistil geschwommen.

Aber als sie gestern anschlug, herrschte sekundenlang eine seltsame Atmosphäre. Der Jubel, der sie auf den letzten Metern nach vorne treiben sollte, ebbte ab, und Zuschauer, die nicht sofort das Ergebnis sahen, weil eine Anzeigetafel verspätet funktionierte, hätten glauben können, dass es nun leider doch nicht geklappt habe mit dem Gold. Drei, vier Sekunden herrschte diese Ungewissheit, dann brandete Jubel auf. In der Mixed-Zone fiel sie erst ihrer Managerin um den Hals, bevor sie zu einer italienischen Fernsehreporterin eilte, die die Europameisterin erst mal niederredete. Wahrscheinlich war das Franziska van Almsick ganz recht. So konnte sie ein paar Sekunden zu sich kommen, wo doch „alles unfassbar" ist.

Aber die 100 m Freistil sind nur der Anfang. Sie hat ein anderes, großes Ziel: die 200 m Freistil, ihre Spezialstrecke, auf der sie den Weltrekord hält. Das Finale über diese Strecke findet am Samstag statt. Bis dahin darf sie keine Kraft verlieren. „Ich bin platt“, sagte sie, und überlegte, ob sie auf ihren Start über 100 m Schmetterling verzichten soll.

Als sie darüber sinnierte, warf jemand den Namen Rupprath in die Menge. Rupprath - in dieser Sekunde wirkte dieses Wort wie ein Störfaktor. Alle redeten von Franziska van Almsick, was war mit Rupprath? Thomas Rupprath war zwei Minuten zuvor Europarekord über 50 m Rücken geschwommen. 25,00 Sekunden im Halbfinale. Eine einzige Hundertstelsekunde schrammte der 25-Jährige am Weltrekord vorbei. Schon im Vorlauf war er Europarekord geschwommen (25,20), jetzt verbesserte er diese Marke erneut. Eine exzellente Leistung, aber sie ging unter. Heute schwimmt Rupprath im 50-m-Rücken-Finale. Vielleicht hat er Glück. Denn heute finden auch die Halbfinals über 100 m Schmetterling der Frauen statt. Kann sein, dass van Almsick nicht startet.

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