Sport : Sie können auch anders

Beim 3:0 gegen Tunesien demonstriert die deutsche Mannschaft ein völlig neues Defensivverhalten

Michael Rosentritt[Köln]

Michael Ballack hat in seiner Karriere schon viele Elfmeter geschossen. Aber wie er diesen Elfmeter am Samstag in Köln in der 75. Minute beim Stande von 0:0 geschossen hat – mit voller Wucht, mitten ins Zentrum, dahin, wo eigentlich der Torwart steht. So etwas hat dieser gute Fußballer gar nicht nötig, warum macht er so etwas? Diese Szene war der Knackpunkt des Spiels gegen Tunesien, das die deutsche Nationalelf 3:0 gewann. Dieser Elfmeterschuss war als Zeichen gedacht.

Michael Ballack hätte den Elfmeter auch Lukas Podolski schießen lassen können. Dann hätte die deutsche Elf das Kölner Publikum vollends hinter sich gehabt. Aber es geht prinzipiell um mehr bei diesem Confed-Cup als um lokale Befindlichkeiten. Es geht um die Befindlichkeiten einer ganzen Nation. Es geht um eine Stimmung, die das Team bis hin zur Weltmeisterschaft im nächsten Sommer tragen und an deren Ende der Pokal in den richtigen, in den deutschen Händen zu sehen sein soll. Es geht um das Hochhalten der Hoffnung, dass dieser Michael Ballack die Deutschen zum WM-Titel führt. So wie es 1974 Franz Beckenbauer tat und 1990 Lothar Matthäus.

Vielleicht ist es auf den ersten Blick ein bisschen verwegen, diese Bedeutung einem Spiel beizumessen, bei dem es vordergründig lediglich gegen den afrikanischen Meister ging. „Ich wollte Verantwortung übernehmen“, antwortete Ballack auf die Frage, warum er den Elfmeter geschossen habe. „Jeder hat doch erwartet, dass wir unsere beiden ersten Gegner schlagen. Aber so einfach ist das nicht, mit dieser jungen Mannschaft.“ Vor allem aber hatte der Kapitän gespürt, dass es bei diesem Spiel um mehr ging – um die Systemfrage. Und Ballacks schmuckloser Schuss zur späten Führung nach einem zähen Spiel war ein Zeichen dafür, dass es auch anders geht.

„Welches Chancenverhältnis hättet ihr denn gern: ein 12:4 wie gegen Australien oder ein 4:1 wie gegen Tunesien?“, fragte Jürgen Klinsmann in die Runde. Es war seine Antwort auf die Kritik, die auf ihn und seine Mannschaft nach den drei Gegentoren gegen Australien niedergegangen war. Blindes Offensivspiel zu Lasten der Abwehr wurde dem Bundestrainer vorgeworfen. „In Bezug auf Personen und Spielweise war das überzogen“, sagte Klinsmann. „Diese Achterbahnfahrt gehört zu der Entwicklung, in der die Mannschaft steckt.“ Doch die Menschen wollen Ergebnisse sehen, klare Ergebnisse. Die schwache Abwehr schuf Zweifel am Gelingen der großen Mission. Selbst Ballack hatte darauf hingewiesen, wie wichtig es in einem Turnier sei, auch mal zu null zu spielen: „Wenn wir weiter so viele Gegentore kriegen, bekommen wir Probleme.“

Klinsmann reagierte. Gegen Tunesien war die Defensive besser, ohne dass die Abwehr verändert wurde. „Es war das Defensivverhalten der ganzen Mannschaft, das besser war, weil es besser werden musste“, sagte der Innenverteidiger Per Mertesacker. Das geschah in erster Linie zu Lasten der Offensive. Klinsmann hatte das Mittelfeld auf einer Linie spielen lassen, also die Rautenform aufgelöst. Ballack stand auf einer Höhe mit dem defensiven Torsten Frings und half dabei, die Räume für die Tunesier zu verdichten. Und selbst Gerald Asamoah hatte seine Position im Sturm sehr hängend zu interpretieren.

Gegen Tunesien blieb lange Zeit nicht viel übrig vom Klinsmann’schen Totalfußball. Die deutsche Elf spielte behäbig nach vorn, ihr unterliefen viele Fehlpässe. „Wir haben zu weite Wege gehabt“, sagte Sebastian Deisler, „aber wir wussten, dass wir nur abwarten mussten, bis der Gegner nachließ.“ Zum Umschreiben dieser Taktik wählte Klinsmanns Assistent Joachim Löw den Begriff „weich kochen“. Bei allen deutschen Spielern war zu hören, dass ihnen diese Spielweise nicht unangenehm war. Vermutlich verleiht ihnen eine gewisse Ausgewogenheit zwischen Offensivfußball und Organisation mehr Sicherheit. Es sei ja bekannt, „dass in Deutschland immer kritisiert wird“, hob Michael Ballack an. Prinzipiell sei aber der von Klinsmann eingeschlagene Weg fortzuführen. Diesmal sei die Mannschaft ohne Gegentor geblieben und nach zwei Spielen schon für das Halbfinale qualifiziert. „Von daher können einige Leute wieder beruhigt sein.“

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