Sport : Sie läuft einfach weiter

Trotz positiver Dopingprobe ist sich Doppel-Weltmeisterin Kelli White keiner Schuld bewusst

Frank Bachner

Paris. Wann würde sie weinen? Das war die große Frage. Dass Kelli White weinen würde, irgendwann mal während ihrer Ansprache, das schien eigentlich klar. Man musste nur diese brüchige Stimme hören und dann die Unterbrechungen, wenn sie mal wieder schlucken musste. Aber irgendwie schaffte es Kelli White, ohne Tränen durch diesen Auftritt zu kommen. Sie blinzelte manchmal in das grelle Scheinwerferlicht, sie wusste, dass sie im Pressekonferenzraum des Stade de Paris saß, aber dass sie für viele Beobachter in Wirklichkeit auf einer Anklagebank Platz genommen hatte. Sie, Kelli White, die Doppel-Weltmeisterin über 100 m und 200 m, der spektakulärste Dopingfall dieser Weltmeisterschaften.

Mit brüchiger Stimme erzählte sie, dass sie in Wirklichkeit eine ganz andere Rolle besetzt: „Ich bin unschuldig. Ich werde um meine Titel kämpfen.“ Modafinil, ein Aufputschmittel, hatte sie eingenommen. Ihre Medaillen hat sie noch. Wird das Mittel vom Leichtathletik-Weltverband IAAF allerdings als Stimulans eingestuft, werden ihr beide Titel aberkannt und ihr droht zudem eine zweijährige Sperre. Wird es von den Experten eher als leichtes Aufputschmittel eingestuft, kommt die Amerikanerin bestenfalls mit einer Verwarnung davon.

„Das Mittel diente nur dazu, mich durch den Alltag zu bringen“, sagte White. „Ich fühle mich ständig müde, ich kann schlecht schlafen, ich habe Gedächtnisschwierigkeiten.“ Außerdem habe das Mittel nicht auf der Dopingliste gestanden. Sie buchstabierte sogar den Namen des Arztes, der ihr Modafinil verschrieben habe. Dr. Brian Goldman, Kalifornien.

Die Müdigkeit, die krankhaften Schlafprobleme (siehe Kasten rechts), das alles sei Teil der Familiengeschichte der Whites, sagt die Sprinterin. Details nannte sie nicht. Angeblich, so kursierte später, litten ihre Mutter und eine ihrer Tanten an dieser Krankheit. White sagt, sie habe das Mittel unregelmäßig genommen.

Auf jeden Fall aber steht in den US-Infos für Modafinil-Patienten, die jedem Arzt in den USA vorliegen, ausdrücklich, „dass die Einnahme des Mittels bei Sportlern zu positiven Dopingtests führen kann“. Entweder hat Dr. Goldman der Sprinterin diesen Punkt verschwiegen oder White nahm ihn nicht ernst, weil Modafinil namentlich nicht auf der Liste steht.

Allerdings gehört das Mittel zur Gruppe von Aufputschmitteln, die generell verboten sind. Das dürfte jeder Sportarzt sofort herausfinden, der die Warnung liest. Und genau deshalb wirft der Fall White für Fritz Sörgel, den Leiter des Instituts für pharmakologische Forschung in Nürnberg, Fragen auf: „Warum meldet sie dieses angeblich harmlose Mittel nicht beim Weltverband an?“ Weil es doch nicht so harmlos ist, sagt Sörgel. Und dann macht den Pharmakologen noch etwas stutzig: „Wieso hatte das französische Labor nach Modafinil gefahndet. Diese Substanz muss man mit einer eigenen Versuchsreihe herausfiltern. Entweder wurde White verpfiffen oder die Chemiker haben auf generellen Verdacht hin gesucht. Die wissen ja auch, dass Modafinil für Sportler interessant ist.“

Jon Drummonds Blockade der Tartanbahn nach seinen Fehlstarts, 400-m-Weltmeister Jerome Youngs Enttarnung als früherer Dopingsünder und nun der Skandal um Kelli White – da stellt sich die Frage, wie groß der Imageschaden für die US-Leichtathletik ist. Die WM interessiert nicht wirklich in den USA, allein der Kabel-Sportsender ESPN II zeigt Bilder aus Paris. Andererseits sorgen Dopingskandale durchaus für Schlagzeilen. Die amerikanischen Zeitungen berichten groß über den Fall White. „Es sind einfach zu viele negative Storys in einer Woche, das schadet dem Image der Sportart schon“, sagt Randy Hayes von der „Los Angeles Times“. Kein Mensch habe mitbekommen, dass Jerome Young Weltmeister über 400 m wurde. „Aber als dann sein Dopingfall aufkam, sind viele auf ihn aufmerksam geworden.“

Wenn US-Leichtathleten in den USA außerhalb von Olympischen Spielen in ihrer Nische mal kurz ausgeleuchtet werden, dann nach Dopingfällen. Hier liegt der große Schaden für die US-Leichtathletik. Die großen Sportausrüster haben ihre Zuwendungen an den US-Verband schon erheblich reduziert. Andererseits, gemessen an anderen Ereignissen rückt der Fall White in den Hintergrund. Just an dem Tag, als sie als Dopingsünderin auffiel, begann in den USA die Saison im College Football. Und die ist in den USA allemal interessanter als eine gedopte Sprinterin.

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