Sport : Sie sind die Größten der Welt

Fast hatte man ihn vergessen, den 1. FC Magdeburg. Am Wochenende wird das neue Stadion eröffnet

André Görke,Lars Spannagel

Die absolute Krönung wäre ein Fußball-Länderspiel in Magdeburg. „Aber machen wir uns doch bitte nichts vor“, sagt Bernd Hofmann, der Manager des 1. FC Magdeburg, und schaut auf all die hellblauen Sitzschalen des neuen Stadions der Stadt. „Wenn wir ein Fußball-Länderspiel nach Magdeburg holen, dann doch nur eins gegen, na sagen wir, Aserbaidschan. Oder so.“ Ein kerniger Spruch. Bernd Hofmann lächelt.

Das letzte Fußball-Länderspiel in Magdeburg fand noch unter einem anderen Regime statt. Im April 1989 war’s, vor 23 000 Zuschauern gegen die Türkei. Die DDR verlor 0:2, und seitdem ist es mit der einstigen Schwerindustriestadt Magdeburg bergab gegangen. Die Menschen sind nicht gerade verwöhnt worden von ihrem FCM. Da muss einer wie Bernd Hofmann mit allzu kessen Erwartungen nicht daherkommen.

Und doch soll an diesem Wochenende der Aufbruch gelingen in eine neue Magdeburger Fußballepoche. Vor zwei Wochen mussten die Fans noch ein letztes Mal durch Matsch zu ihrem maroden Heinrich-Germer-Stadion pilgern und ihren Klub gegen Kickers Emden nach vorne peitschen. Am Sonntag wird endlich das neue Stadion mit einem großen Fest eröffnet; am 19. Dezember steht gegen den Zweitligisten Eintracht Braunschweig das erste Spiel in der Arena an. Die Kapazität: 27 000 Zuschauer. Kosten: 31 Millionen Euro. Bauzeit: 20 Monate. In der Rückrunde wird der 1. FC Magdeburg hier gegen Dynamo Dresden spielen, St. Pauli und auch den 1. FC Union aus Berlin. Da klingelt die Kasse, sagt der Manager Hofmann, „unser Stadion wird schön voll“. Derzeit liegt der Zuschauerschnitt bei 3200.

Die Geschichte des 1. FC Magdeburg ist aber mehr als nur eine, die vom Stadionausbau handelt. Magdeburg, im Krieg schon schwer in Mitleidenschaft gezogen, hat nach der Wende mehr als 60 000 Einwohner verloren. Auf der Autobahn A 2 donnern die Autos in Sekundenschnelle vorbei; sogar der ICE nach Berlin macht seit Jahren einen Bogen um Magdeburg, immerhin die Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts. Und während in Rostock und Cottbus, in Erfurt und Jena, neue Tribünen entstanden sind und in Leipzig sogar die Fußball-WM 2006 stattfand, schien es, als habe man Magdeburg und seinen Fußballverein irgendwann einfach vergessen.

Dabei hat der Klub eine so erfolgreiche Historie wie kaum ein anderer Verein in der DDR. Im kleinen Fanshop des Klubs ist die Vergangenheit in diesen Tagen noch gegenwärtig. Das Heft „Fußballnationalspieler des 1. FC Magdeburg 1961–1990“ wartet neben dem Büchlein „Der Meistermacher Heinz Krügel: Erinnerungen, Episoden, Erfolge“ auf Käufer.

Heinz Krügel, das war jener Trainer, der Magdeburg zu zwei von sieben DDR-Pokalerfolgen führte und dreimal zum Meister machte. Krügel wurde später entmachtet, weil er es ablehnte, für die Stasi in der Kabine des FC Bayern München zu spitzeln, aber das ist noch eine andere Geschichte. Unter Krügels Regie schaffte der 1. FC Magdeburg am 8. Mai 1974 jedenfalls das, was keinem anderen DDR-Verein jemals gelingen sollte – die Mannschaft holte den Europapokal der Pokalsieger. Damals gewann der Klub 2:0 in Rotterdam gegen die Stars des AC Mailand. „Eine Sensation für den wegen seiner Erfolglosigkeit oft geschmähten DDR-Klubfußball!“, schrieb die „Fußball-Woche“. Im Fanshop hängt die kopierte Eintrittskarte von damals in Postergröße an der Wand.

Dass sich jetzt etwas tut in Magdeburg und nicht mehr nur Nazihorden wie vor einigen Jahren noch ins Stadion pilgern, die Oberbürgermeister Lutz Trümper lautstark und ungehindert auffordern dürfen, „den Führer einzuladen“, das dürfte sich herumsprechen. Alle Plätze in der neuen Arena sind überdacht, es gibt Toiletten, die nicht mehr erbärmlich bis zum Himmel stinken. Sogar ein VIP-Bereich für die örtlichen Unternehmer wurde errichtet. Das bringt Geld und neue Fans ins Stadion. Familien.

Bisher stehen die Fans tapfer auf den alten Traversen des Stadions und singen auch im Nieselregen trotzig-liebevoll: „Du bist niemals alleine, wir sind die Größten der Welt – FC Mag-de-burg!“ Besonders treue Fans können sich für 74 Euro ihren Namen im neuen Stadion eingravieren lassen. Oder noch besser: Sie schließen einen Deal ab, der den Namen „Bis dass der Tod uns scheidet“ trägt. Wer 5555 Euro hinlegt, bekommt einen Sitzplatz mit Namensschildchen für die Ewigkeit reserviert. Zwölf Fans haben diesen Bund der Treue bislang schon geschlossen.

Die Treue der Fans ist genauso einzigartig wie der rapide Absturz ihres Klubs. Magdeburg verpasste 1991 nicht nur den Sprung aus der NOFV-Oberliga in die Bundesliga, für die sich dann Hansa Rostock und Dynamo Dresden qualifiziert haben. Der 1. FC Magdeburg – der bei der Fußball-WM 1974 im anderen Teil Deutschlands immerhin vier Nationalspieler stellte, darunter auch Jürgen Sparwasser, den Torschützen des legendären Tores zum 1:0 gegen die Männer aus der Bundesrepublik – dieser Klub also scheiterte auch kläglich in der Qualifikation zur Zweiten Liga und fand sich plötzlich auf Sportplätzen in der Region wieder, die keine Flutlichtmasten, aber Maulwurfshügel en masse zu bieten hatten. Innerhalb eines Jahres spielte der 1. FC Magdeburg im Europapokal bei Girondins Bordeaux und dann auf dem holprigen Rasenplatz „An der Schule“ gegen den SC Gatow – in einer Liga, die den etwas bürokratischen Namen „Oberliga Nordost, Staffel Mitte“ trug. Was für eine Demütigung für die Fans. Häme garantiert.

Magdeburg, etwas pathetisch formuliert, steht wieder auf. Die Innenstadt ist saniert, überall sind Geschäfte entstanden, die Hochschulen ziehen junge Studenten aus dem ganzen Land an. Und der FCM versucht, mit dieser Entwicklung Schritt zu halten. Das Insolvenzverfahren wurde überstanden, der Aufstieg in die Regionalliga ist vor einem halben Jahr geglückt. Trainer ist Dirk Heyne, einst in Magdeburg groß geworden, der nach der Wende als Torwart bei Borussia Mönchengladbach spielte. Wirtschaftlich haben Männer wie Heiner Bertram im Aufsichtsrat und Manager Bernd Hofmann das Sagen. Gut, Bertram – vor 66 Jahren in Magdeburg geboren – und Hofmann haben vor einigen Jahren nicht nur Freunde gewonnen in ihrer Zeit beim 1. FC Union. Sie haben den Berliner Klub zwar nach oben geführt, allerdings mit einem ziemlich hohen finanziellen Risiko.

In Magdeburg wollen sie es besser machen, sportlich aber genauso erfolgreich sein. Wenn es nach dem Vereinsmanagement geht, wird das Stadion nur noch kurz nach dem Reichstagsabgeordneten und Antifaschisten Ernst Grube benannt bleiben. „Wir haben eine Firma beauftragt, einen Namenssponsor zu finden“, sagt Hofmann. „Das wäre wunderbar.“ Einen Namenssponsor für ein Stadion – das gibt es im Osten bisher nirgendwo.

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