Sport : Sieben Minuten im Januar

Das nach einer Bombendrohung abgebrochene Spiel zwischen Real Madrid und San Sebastian wird nicht wiederholt, sondern zu Ende gespielt

Julia Macher[Madrid]

Es stand 1:1 in einem mittelmäßigen Match, bis zum Abpfiff fehlten gerade noch vier Minuten plus drei Minuten Nachspielzeit, als eine Lautsprecherdurchsage das Ligaspiel Real Madrid gegen Real Sociedad San Sebastian vorzeitig beendete: „ Wir bitten Sie, das Stadion ruhig und geordnet zu verlassen.“ Eine knappe halbe Stunde zuvor war bei der baskischen Zeitung „Gara“ ein anonymer Anruf im Namen der baskischen Separatistenorganisation ETA eingegangen: Um neun Uhr werde im Madrider Bernabeu-Stadion eine Bombe explodieren. Wie sich später herausstellen sollte, war es nur ein Fehlalarm, der wohl Panik unter den Zuschauern verbreiten sollte.

Allein: Der Anrufer hatte seine Rechnung ohne die Madrider gemacht. So ruhig und diszipliniert als sei es eine alltägliche Übung verließen die 70 000 Zuschauer über die Ausgänge und den Rasen das Stadion - unter direkter Aufsicht des spanischen Polizeidirektors, der auf der Ehrentribüne des Stadions saß. Zwölf Minuten nach der Lautsprecherdurchsage standen nur noch ein paar Sicherheitskräfte auf dem Spielfeld, bis auf ein paar in der Eile liegen gelassene Taschen mit Brötchen und Pullovern waren die Ränge leer. Draußen vor dem Stadion machten die frierenden Spieler, die sich bei der Flucht aus dem Stadion gerade noch eine Jacke überwerfen konnten, ihrem Ärger über den Abbruch des Spiels Luft – als habe es eine reale Gefahr nie gegeben. Und auf den Madrider Straßen kündeten einzig das Chaos und lange Schlangen vor den Telefonzellen von der Aufregung ein paar Minuten zuvor. Um mögliche Fernzündungen zu vermeiden, hatte die Polizei vorsorglich alle Handies einsammeln lassen. „Die Gelassenheit der Zuschauer und Spieler war vorbildlich“, lobte Reals Präsident Florentino Pérez. „Wir sind hier Terror und Bombendrohungen ja leider gewöhnt - nicht erst seit dem 11. März,“ erzählte ein Zuschauer danach. „Ich dachte, wenn es mich erwischt, dann erwischt es mich eben – egal, ob ich renne oder nicht.“

Mit zwölf kleineren Sprengsätzen hat die ETA Anfang des Monats wieder die spanische Bevölkerung verunsichert und auch da ihre Attentate über die Zeitung „Gara“ angekündigt. Der Anschlag vor dem Bernabeu-Stadion im Mai 2002 während des Spiels zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona, bei dem 17 Menschen verletzt wurden, ist allen noch in Erinnerung. Und auch die Mitglieder einer kürzlich aufgedeckten islamistischen Terrorzelle hatten neben Bahnhöfen das stets gut frequentierte Stadion im Visier. „Wir haben richtig gehandelt, die Drohung war glaubwürdig“, verkündete das Innenministerium am Montag.

Auch wenn die Medien übereinstimmend die schnelle Reaktion des Innenministeriums und der Sicherheitskräfte sowie die Gelassenheit der Zuschauer lobten, bleibt doch die Sorge um die Zukunft sportlicher Großereignisse in Madrid. Mit minimalem Aufwand habe der Anrufer einen maximalen Schaden angerichtet, urteilte die spanische Tageszeitung „La Vanguardia“ mit Blick auf die Olympiakandidatur der Stadt.

Doch Madrid wäre nicht Madrid, wenn es sich von Drohungen verunsichern lassen würde. Die spanische Hauptstadt hat eine gewisse Erfahrung darin, unliebsame Vorkommnisse wie die vom Sonntag in positive zu verwandeln. In diesem Sinne tönte Fernando Fernández Tapias, Vizepräsident von Real Madrid, vor der Presse: „Wir haben das Spiel gegen die Mörder gewonnen, unsere Fans lassen sich nicht erschrecken.“

Ein trotziges Signal setzte gestern auch der spanische Fußballverband in Absprache mit Vertretern der beiden Klubs. Die fehlenden sieben Minuten des Spiels gegen San Sebastian werden am 5. Januar einfach nachgespielt, vor den gleichen Zuschauern, im gleichen Stadion. So, als wäre nichts geschehen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben