Sport : Sieben Schritte zum Ruhm

Die Berlinerin Jana-Christin Mikuta will bei der WM beweisen: Aerobic ist ernsthafter Leistungssport

Verena Friederike Hasel

Berlin - Eigentlich geht es ihrem Sport ganz gut, wäre da nur nicht dieser Name. Aerobic – da denken alle an Hüpfmiezen. Gern würde Liudmila Ziangirova, 47 Jahre, die Welt einmal dazu einladen, zu sehen, was Aerobic wirklich ist : Schinderei und Tränen, der ganze Ernst des Leistungssports. Bei Jana-Christin Mikuta zum Beispiel.

Die 14-Jährige wird heute bei der Aerobic-WM in Ulm antreten, seit achteinhalb Jahren trainiert sie bei Ziangirova. Die steht in der Halle in Berlin-Schöneberg, schaltet die Musik für Jana-Christin ein, das Mädchen knipst sein Lächeln an und beginnt. Eine Minute und 45 Sekunden wie von einer Batterie betrieben durch den Raum wirbeln, erst einen Spagat machen, dann eine Beinschere, dabei die Arme kreisen lassen und sofort wieder hoch. Jana-Christin bedient ihre Gliedmaßen wie andere Menschen eine Maschine, so schnell und akkurat passiert alles, und inmitten von all diesem Auf und Ab, Hoch und Runter im Zeitraffermodus ist das Lächeln die einzige Konstante. Später sitzt Jana-Christin (weißes T-Shirt mit Schwarz-Rot-Gold auf den Schultern, schwarze Hose, Deutschlandsöckchen) auf der Matte und erklärt ein bisschen. Dass die Arme so etwas wie die Kür sind. Sie darf man werfen und mit ihnen schlenkern, wie man will, Hauptsache rhythmisch. Das Aerobic-Bein dagegen unterliegt strengen Beschränkungen, es existieren nur sieben Schritte: etwa der „Knee lift“, Knie hoch, und der „Jumping Jack“, der Hampelmann. Doch auch die sind eigentlich Beiwerk. Worauf es wirklich ankommt, sind die Elemente. Das klingt esoterisch, ist aber akrobatisch, wie der Grätschsprung zum Beispiel, der in jeder Übung vorkommen muss, sonst gibt es Punktabzug bei der WM. Bei der letzten vor zwei Jahren in China ist Jana-Christin in ihrer Altersgruppe Zehnte geworden. „Dabei denken in der Schule viele, wenn ich von Aerobic spreche, ich gehe halt ab und zu ins Fitnessstudio.“

Dass Frauen überhaupt in Fitnessstudios gehen, ist das Werk dieser Sportart. Zuvor waren die Studios Männermuskelmanegen gewesen, Jane Fondas Video „Workout“ brachte 1982 die Wende. Eigentlich war das Video nichts anderes als die Marketingidee eines Produzenten gewesen: Sport mit Starsystem, hatte er sich gedacht. Tatsächlich verkaufte sich kein Video im Jahr 1983 häufiger, mit Ausnahme von „Flashdance“. Da machte es nichts, dass Fonda ihren Körper eigentlich zu Fremdgut bewegte. Der wirkliche Erfinder von Aerobic war ein Militärarzt namens Kenneth Cooper, der 1968 ein gleichnamiges Buch veröffentlicht hatte. Die Grundidee: Ausdauertraining, das den Sauerstoffverbrauch fördert.

In Deutschland tauchte das Wort Aerobic erstmals 1986 im Duden auf. Befremdlich wirkte Aerobic damals vor allem auf Männer: Die Frauen hätten den Hintern rotieren lassen, als sei der Leibhaftige in sie gefahren, war im „Spiegel“ zu lesen, nachdem einige Frauen im ZDFSportstudio aufgetreten waren. Doch Aerobic wurde große Mode, und Hans Stollenwerk vom Kölner Institut für Sportsoziologie erinnert sich an zweckentfremdete Garagen allerorts, in denen sich Übergewichtige mit Pressatmung schlank zu hüpfen hofften. Heute haben in den Studios Tai-Bo und Pilates Aerobic den Rang abgelaufen, doch bauen auch sie auf Aerobic-Elementen auf.

Jane Fonda ist inzwischen 70 Jahre alt, gehört hat Jana-Kristin von ihr noch nie. Sie will vor allem gewinnen, dafür trainiert sie fünfmal die Woche wie jede andere Leistungssportlerin. Das gefällt der Trainerin Ziangirova. Wenn Aerobic eines Tages Disziplin bei den Olympischen Spielen ist, dann weiß sie, dass es ihr Sport geschafft hat.

Berichte aus dem Berliner Sport: www.tagesspiegel.de/berlin-sport

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