Sieg beim Heimspiel : Werfen statt reden: Robert Harting ist Weltmeister

Der Berliner Diskuswerfer Robert Harting, der zuletzt durch beleidigende Sprüche gegen Doping-Opfer aufgefallen war, hat bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften im Olympiastadion die Goldmedaille gewonnen.

Friedhard Teuffel
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Reden ist Blech, Schweigen ist Gold: Robert Harting.Foto: dpa

Das war der erste Schultersieg der Leichtathletik, denn als Robert Harting als Weltmeister feststand, packte er sich das WM-Maskottchen Berlino und wuchtete es auf seine breite Schulter. Vielleicht hat das Maskottchen, das ansonsten keine Sprechrolle hat, in diesem Moment zu reden begonnen mit einem ängstlichen „lass mich runter.“ Und wenn Harting nicht von lauter Fotografen und Kameramännern umringt worden wäre, hätte er aus Berlino möglicherweise noch einen Propeller gemacht.

Die Energie musste raus aus Robert Harting, fast überflüssig zu erwähnen, dass er sich wieder sein Trikot zerriss wie schon 2007, als er bei der WM in Osaka die Silbermedaille gewann, das war damals für ihn auch wie ein Preis für den Newcomer des Jahres. Auch als Weltmeister hielt er den nackten Oberkörper für die angemessene Festgarderobe, und dieser Titel ist zugleich die Auszeichnung für die besten Nerven. Harting hat alles ausgehalten. Druck von innen und außen, er hat den Druck umgewandelt in Wurfenergie und ein nicht für möglich gehaltenes Ergebnis.

Ein Heimsieg, ganz einfach. „Ihr habt schön Krach gemacht“, rief Harting den Zuschauern nach seiner halben Ehrenrunde zu und erklärt wenig später: „Den letzten Meter meines sechsten Versuches habe ich dem Publikum zu verdanken.“ Es war der wichtigste Meter seiner Karriere. Der 24 Jahre alte Berliner Robert Harting wollte das Olympiastadion verteidigen, diesen etwas martialischen Auftrag hatte er sich selbst gegeben. Er wollte es keinem anderen überlassen, gerade nicht dem Polen Piotr Malachowski, den er ohnehin nicht leiden kann, weil der ihn schon so oft noch mit dem letzten Versuch besiegt habe. Diesmal war es genau andersherum. Malachowski legte vor, 68,77 Meter, ein Langstreckenflug. Und eine große Überraschung. Zum Beispiel für den Weltmeister und Olympiasieger Gerd Kanter aus Estland. Er ist Malachowski wohl auf den Leim gegangen, denn der Polen hatte ihm erzählt, dass er verletzt sei, irgendetwas an der Sehne seines Zeigefingers. Kanter hatte ihn daraufhin gleich mal aus seiner Medaillenkandidatenliste gestrichen.

Von Malachowskis erstem Wurf war Kanter offenbar ganz schön beeindruckt, er traf erst einmal nicht über die 65-Meter-Marke. Harting war cooler und heftete sich mit seiner Saisonbestleistung von 68,25 Meter an Kanter. Und da blieb er auch, weil Harting wohl in seiner Karriere selten oder noch nie einen so konstanten Wettkampf absolviert hat, 67,04 Meter, 67,80 Meter, einmal ungültig und nochmal 67,80 Meter. Auch vor dem letzten Wurf hatte sich an der Reihenfolge nichts geändert, aber am Abstand, denn Malachowski hatte mit seinem fünften Versuch den polnischen Rekord verbessert, auf 69,15 Meter. Der Wettbewerb schien entschieden.

In der Kurve der Diskuswerfer hing ein gemaltes Transparent: „Harting unser Berliner Bär“. Als Maskottchen der Leichtathletik hatte er sich in den zurückliegenden Tagen jedoch nicht gerade empfohlen mit seinem Ausspruch, der Diskus solle nach dem Aufsetzen ruhig nochmal in Richtung der Protestbrillen der DDR-Dopingopfer fliegen, damit die dann nichts mehr sehen könnten. Der Deutsche Leichtathletik-Verband in Person seines Sportdirektors Jürgen Mallow nahm Harting vor dem Diskusfinale etwas in Schutz. „Athleten sind keine Pressesprecher“, sagte Mallow und nannte Harting einen Problemathleten, weil er Probleme habe und welche mache. Aber Mallow schob noch hinterher: „Robert Harting ist sehr guter Athlet.“

Für dieses Diskusfinale war das eine Untertreibung. Harting jedenfalls wirkte, als wisse er genau, was er tue. Zwischen seinen Versuchen entspannte er sich bei kleinen meditativen Spaziergängen, und bei seinen Würfen wirkte er konzentriert und nicht pubertär aufgekratzt. Dann kam der letzte Durchgang.

Ein letztes Mal ruderte Harting mit den Armen, um das Publikum mitzunehmen auf den Flug, auf den er seinen Diskus gleich schicken wollte. Mit einer Urgewalt, tief aus dem Innern, schleuderte er den Diskus aus dem Ring und übertraf alles und alle, die Erwartungen, sich selbst, denn 69,43 Meter sind eine Steigerung seiner Bestweite um 78 Zentimeter, und den führenden Malachowski. Der hatte sich offenbar schon auf die Feierlichkeiten eingerichtet und konnte nicht mehr zulegen. Danach rastete Harting aus, aber anständig, rannte aufgeregt hin und her, um wenig später zu sagen: „Was meine Äußerungen zu den Dopingopfern betrifft, tut es mir leid, ich würde sie zurücknehmen, wenn ich könnte.“ Euphorie und Harmonie am Ende noch zusammenzuflechten, auch das war Hartings Meisterleistung an diesem Abend.

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