Sport : Sieg der Individualisten

Der FC Bayern funktioniert noch nicht als Team und gewinnt doch sicher

Karsten Doneck[Hamburg]

Klaus Toppmöller hatte sich einen Moment Zeit genommen und mal kurz den Zettel überflogen, der in Hamburg nach den Bundesligaspielen an Offizielle und Pressevertreter verteilt wird. Was der HSV-Trainer da las, versetzte ihn in eine Stimmung zwischen Trübsal und Zuversicht. Auf dem Papier stand die Statistik zur Partie gegen Bayern München. „Wir waren in fast allen Punkten mehr als gleichwertig“, stellte Toppmöller nach der Lektüre fest. Mehr Torschüsse, mehr Ecken, mehr Flanken verzeichnete der HSV, er hatte 55 Prozent aller Ballkontakte, gewann 56 Prozent der Zweikämpfe. Nur in einem Punkt, dem entscheidenden, hielten die Norddeutschen mit ihrem Gegner nicht Schritt. Bei der Anzahl der erzielten Tore lag der FC Bayern vorn: 2:0 (1:0) siegten die Münchner. Überzeugt hatten sie nicht unbedingt, trotzdem sicher gewonnen.

Michael Ballack, der Torschütze des Führungstores, gab hinterher zu: „Das war kein großes Spiel von uns.“ Da pflichtete ihm Felix Magath, der früher selbst als Spieler und Trainer beim HSV beschäftigt war, gerne bei. „Wir müssen erst noch eine Weile zusammenspielen, um das Ganze zu optimieren. Nach vorne hin sind wir sicherlich bärenstark, aber Fußball besteht ja auch aus Defensive“, sagte der Bayern-Trainer.

In Hamburg trat der FC Bayern mit Nachdruck den Beweis an, dass er selbst bei Unterlegenheit in allen statistischen Bereichen seine Spiele relativ unangestrengt gewinnen kann. Nicht alleine durch Cleverness, sondern „weil wir klasse Einzelspieler besitzen“, wie Magath sagt. Michael Ballack, Zé Roberto, Sebastian Deisler, Roy Makaay, Lucio – solche Spieler hat in dieser geballten Form kein Konkurrent. Das sind Profis, die aus ihren individuellen Stärken ein hohes Maß an Selbstvertrauen ziehen, um ein Spiel auch mal über eine Einzelaktion zu entscheiden. Oder im Duett. Wie beim 1:0 in Hamburg, als Zé Roberto die Zweikampfschwäche von Hamburgs Colin Benjamin nutzte, um in der eigenen Hälfte den Ball zu erobern, dann einfach lossprintete Richtung HSV-Strafraum, und als ihm nach einem 50-m-Lauf offenbar die Kraft fehlte zu einem satten Torschuss, brachte er eben ein bisschen Artistik ins Spiel, indem er den Ball gefühlvoll mit dem Hacken zum mitgeeilten Michael Ballack lupfte. Gegen dessen 18-m-Flachschuss war HSV-Torwart Martin Pieckenhagen machtlos. „Der hat mich einfach blind angespielt“, sagte selbst Ballack. HSV-Trainer Toppmöller klagte über Ballacks Treffer: „Bei uns gehen solche Bälle drüber.“

Die Konkurrenz muss darauf gefasst sein, dass der FC Bayern seine Spielkunst im Verlauf der Saison noch beträchtlich verfeinern wird. Dieses Gefühl hat auch Sebastian Deisler. „Ich denke, wir werden noch einiges reißen in dieser Saison“, kündigte er nach dem Abpfiff in Hamburg an.

Und dass der eine oder andere Bayern-Profi in Hamburg noch ein bisschen unter Premierenfieber litt, wird sich bestimmt auch bald legen. So trug der Münchner Neuzugang Vahid Hashemian, als er sich zu seiner Einwechslung bereitmachte, das Trikot mit der Nummer sechs. Diese Nummer gehört bei den Bayern, auch laut offiziellem Spielberichtsbogen, aber Martin Demichelis. Offenbar hatte sich Hashemian – auch er war früher beim HSV und hat sich dort nie durchsetzen können – in der Aufregung das falsche Hemd gegriffen. Der Irrtum wurde bemerkt und vor der Einwechslung schnellstens korrigiert. Soll ja keiner sagen, der FC Bayern handele nicht professionell genug.

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