Sport : Sieg der Ungewissheit

Erst nach dem Rückspiel gegen Arsenal wird der FC Bayern wissen, ob er ein Spitzenteam ist

Christian Hönicke[München]

Felix Magath rührte apathisch in seiner Tasse, sein missmutiger Blick verschwand in den Tiefen des dampfenden Pfefferminztees. Womöglich versuchte er in dem heißen Getränk eine Antwort auf die Frage zu finden, die eigentlich in den 90 Minuten zuvor geklärt hatte werden sollen: Ist der FC Bayern München ein europäisches Spitzenteam? Das Hinspiel im Champions-League-Achtelfinale gegen den FC Arsenal war als Test für die Europapokal-Ambitionen des Bundesliga-Tabellenführers angekündigt worden. „Wir haben gezeigt, dass mit uns zu rechnen ist“, sagte Magath nach der Begegnung im Münchner Olympiastadion leise, während er den Löffel in der Tasse kreisen ließ. „Wir haben ein Ausrufezeichen in der Champions League gesetzt.“ Nur die Aussage, die dieses Ausrufezeichen betonen soll, konnte er auch nach dem 3:1-Sieg nicht eindeutig treffen.

Selbst der weltmännische Trainer der Londoner vermochte die wahre Stärke des Gegners kaum einzuschätzen. „Die Bayern haben zwar gewonnen, aber sie waren meiner Meinung nach nicht außergewöhnlich“, sagte Arsène Wenger. „Sie wollten den Sieg lediglich etwas mehr als wir.“ Außerdem hätten es seine Spieler dem deutschen Rekordmeister sehr leicht gemacht.

In der Tat mussten auch Felix Magath Zweifel daran gekommen sein, dass der FC Arsenal momentan als Referenz für die europäische Spitze gelten kann. Wenig erinnerte am Dienstagabend an die einst unbesiegbare Mannschaft, die in der englischen Liga 49 Spiele in Folge nicht verloren hatte. Vor allem in der durch das Fehlen von Sol Campbell und Ashley Cole geschwächten Verteidigung bot Arsenal zeitweise höchstens UI-Cup-Niveau. Und dass Thierry Henry zu Recht als Weltklassestürmer bezeichnet wird, konnte er zumindest in München nicht beweisen. „Liegt es an der Physis oder an der Psyche?“, fragte Wenger sich selbst. „Ich weiß es nicht.“

So hatte Bayern, ohne dabei selbst zu glänzen, den schwachen Kontrahenten eigentlich jederzeit unter Kontrolle – die kleine Unachtsamkeit in der letzten Minute einmal ausgenommen. Genau die verdarb dem Trainer der Münchner aber einen schönen Abend. Nach Kolo Tourés glücklichem Auswärtstor genügt den heimstarken Londonern beim Rückspiel in zwei Wochen ein 2:0 zum Weiterkommen. „Wir haben es nicht verstanden, einen Gegner, der am Boden lag und eigentlich gar keine Lust mehr hatte, endgültig zu besiegen“, zischte Magath verärgert in seinen Pfefferminztee, noch immer unablässig rührend. Nach der ungefähr einhundertsten Löffelumdrehung hatte er schließlich erkannt, was seiner Mannschaft, die in den beiden vergangenen Jahren jeweils früh im Wettbewerb ausgeschieden war, noch zur internationalen Spitze fehlt: „Ich denke, wir müssen generell daran arbeiten, dass wir 90 Minuten lang konzentriert sind. Wir sind in der Schlussphase nur noch hin- und hergerannt.“ Ein italienisches Team, glaubt Magath, „hätte die letzten zehn Minuten des Spiels ohne Gegentor runtergespielt, wenn es 3:0 geführt hätte. Davon können wir lernen.“

Immerhin in einer Disziplin hat der sechsmalige Europapokalsieger aber offensichtlich schon wieder das Niveau vergangener Tage erreicht: in der Chancenverwertung. Bis Mitte der zweiten Halbzeit nutzten die Münchner drei ihrer vier Tormöglichkeiten. „Bayern war sehr effizient“, räumte auch Arsène Wenger ein. Sein Kollege entdeckte hingegen, dass seiner Mannschaft auch hier noch ein wenig zur Spitzenklasse fehlt. Mehrmals wies Magath darauf hin, dass das Rückspiel in Highbury fast schon überflüssig gewesen wäre, hätte Torsten Frings seine große Chance zum 4:0 genutzt. „Mir ist der Ball leicht abgerutscht“, erklärte der Nationalspieler entschuldigend, „das kann passieren.“ Doch Magath wird wissen: Einer wirklichen Spitzenmannschaft passiert das nicht.

Nun muss sich der FC Bayern auf eine schwere Reise nach England vorbereiten. „Es ist sehr wohl möglich, dass wir noch weiterkommen“, glaubt Wenger, und auch Felix Magath weiß: „Arsenal kann in einem Spiel auch drei oder vier Tore schießen. Daher tut uns das Gegentor schon sehr weh.“ Oliver Kahn geht sogar davon aus, dass „uns in London eine Art von Hölle erwartet“. Spätestens nach diesem Erlebnis wird aber auch Felix Magath definitiv wissen, ob er denn nun eine europäische Spitzenmannschaft betreut oder nicht. Denn wer die Hölle übersteht, sollte auch die Champions League gewinnen können.

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