Sport : Sieg durch Zufall

Die deutschen Handballerinnen offenbaren bei der WM trotz zweier Erfolge große Probleme.

Zu wenig abgehoben. Das Team um Kerstin Wohlbold tut sich schwer. Foto: dpa
Zu wenig abgehoben. Das Team um Kerstin Wohlbold tut sich schwer. Foto: dpaFoto: dpa

Santos/Köln - Nadja Nadgornaja konnte sich irgendwie gar nicht so richtig freuen. Vor wenigen Minuten hatte die Rückraumspielerin des deutschen Meisters Thüringer HC bei der Handball-Weltmeisterschaft in Brasilien das entscheidende Tor zum 23:22 gegen China erzielt, doch der Frust saß dennoch tief. „Es ist schwer, Worte für das zu finden, was hier passiert ist“, sagte die 23-Jährige: „Mit dieser Leistung gewinnen wir gar nichts.“ Mit 4:2 Punkten aus drei Spielen ist Deutschland zwar auf klarem Kurs Richtung Achtelfinale, doch was das Team von Bundestrainer Heine Jensen gegen China aufs Parkett brachte, war indiskutabel. Vor allem im Angriff hapert es gewaltig. Tore sind bei den Deutschen Zufallsprodukte und meistens das Ergebnis von Einzelaktionen. Als Nadja Nadgornaja 31 Sekunden vor Spielende mit einem platzierten harten Wurf ins rechte obere Eck des chinesischen Tores das erlösende 23:22 warf, war das zugleich die erste deutsche Führung im gesamten Spiel.

Der deutsche Frauenhandball ist grundsätzlich nichts für schwache Nerven, aber dass sich die Mannschaft nach dem grandiosen Auftaktsieg gegen Norwegen und der knappen Niederlage gegen Montenegro gegen einen Außenseiter so blamiert, war nicht zu erwarten. Nach 60 desolaten Spielminuten gegen die Chinesinnen gibt es auf dem Weg ins Achtelfinale zu viele Fragezeichen. War die Defensive trotz einiger Aussetzer noch einigermaßen im Bilde, so präsentierte man sich am gegnerischen Kreis ideenlos, planlos, ratlos. Einzig Franziska Mietzner, die unermüdlich vom Siebenmeterpunkt traf, bewahrte Deutschland immer wieder vor einem unaufholbaren Rückstand.

Die Offensive ist und bleibt das Sorgenkind von Heine Jensen. „Ein gutes Pferd springt nur so hoch, wie es muss“, pflegte der Bundestrainer schon während seiner Amtszeit beim Bundesligisten HC Leipzig gerne zu sagen – bei der Weltmeisterschaft könnten die Hürden mit diesem Credo schnell zu hoch werden. Fehlpässe und Fehlwürfe, mehr hatte das Team um Spielführerin Isabell Klein gegen China nicht zu bieten. 32 Angriffe endeten ohne Torerfolg, das ist im Handball eine desaströse Quote.

Eine Steigerung ist notwendig, denn sollte Deutschland nicht als Gruppenerster oder Gruppenzweiter das Achtelfinale erreichen, droht schon im Achtelfinale das ungewünschte Duell mit dem großen Favoriten Russland. „So weit denken wir noch nicht“, sagt Bundestrainer Heine Jensen.

Um das Ziel zu erreichen und sich einen Platz in einem Qualifikationsturnier für die Olympischen Sommerspiele 2012 in London zu sichern, müssen sich Jensen und sein Team in den verbleibenden Gruppenspielen gegen Island und Angola einiges einfallen lassen. Ein siebter Platz beim WM-Turnier in Brasilien muss auf jeden Fall am Ende herausspringen, ansonsten findet Olympia ohne die deutschen Handballerinnen statt.

Nicht nur Nadja Nadgornaja weiß, dass „wir keine Chance haben, wenn wir so weitermachen“. Eine Leistung wie die gegen China „ist nicht unser Anspruch“. Das versichert auch Bundestrainer Heine Jensen: „Man wird bei der WM noch eine ganz andere deutsche Mannschaft erleben.“ Die Zeit drängt. sid

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