Sport : Sieg gegen Selbstmitleid

Die Eisbären haben sich aus der Krise gekämpft – trotzdem sind sie noch nicht in der Form des Vorjahres

Claus Vetter

Berlin - Das Volk auf den Tribünen in der betagten Krefelder Rheinlandhalle jubilierte schon schadenfroh. Der „Vizemeister“ wurde in Fangesängen verhöhnt. Denn auf dem Eis blamierte sich eine Mannschaft, von der dies vor der Saison in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) keiner in so einer Dimension erwarten durfte. Die Eisbären lagen 0:3 bei den Krefeld Pinguinen zurück. Es ging bei den Berlinern nichts mehr, die Hypothek der 3:8-Heimniederlage vom Freitag gegen Mannheim, jetzt das 0:3, die Eisbären waren angekommen an der Schwelle zum Desaster. In dem Moment, beschreibt ihr Stürmer Stefan Ustorf, schoss ihm durch den Kopf: „Hör auf, dich zu bemitleiden, und fang endlich an zu arbeiten.“

Und Ustorfs Arbeitstag begann plötzlich richtig, er bereitete zwei von vier Toren vor, die noch für die Eisbären fielen. „Ich wusste, wenn wir einmal treffen, dann kommen wir zurück“, sagte Ustorfs Mitspieler Sven Felski. Recht gehabt: Was nach dem 0:3 passierte, verleitete seinen Trainer Pierre Pagé gar dazu, zu sagen: „Ich habe das Gefühl, dass das unser Jahr wird.“ Klar, in so einem Moment wird man schon mal pathetisch. „Ein Sieg der Willensstärke“, sagte etwa Manager Peter John Lee, und Ustorf hatte „bei einem Erfolg für die Moral“ mitgewirkt.

Das Erstaunliche in Krefeld war sicherlich, dass die Eisbären Qualitäten an den Tag legten, die sie in der Vergangenheit im kritischen Moment – besonders in den Play-offs – nicht immer gezeigt haben. Die Kampfstärke scheint das Plus der diesjährigen Mannschaft zu sein, wobei die negative Seite trotzdem noch viel zu voll ist. „Wir lassen zu viele Chancen zu, stecken noch in einem Lernprozess“, sagt Lee. Und Ustorf weiß: „Mit so viel Gegentoren wie momentan werden wir uns nicht in der Spitzengruppe der Tabelle etablieren können.“

Durchschnittlich vier Gegentore pro Spiel, das ist bislang eine erschreckende Quote, und die ist noch der Nachteil der Berliner im Vergleich zur starken Konkurrenz an der Tabellenspitze. Mannheim, Ingolstadt und Nürnberg sind die Mannschaften mit den großen Stars und erstaunlicher Form. Nur Hamburg und Köln können mit ihrer Defensivtaktik dieses Trio momentan ärgern. Die Eisbären sind noch nicht so weit: Es wirkt so, als werde die Defensivabteilung von den Stürmern durchgeschleppt. Der Weggang der routinierten Verteidiger Keith Aldridge und Darryl Shannon ist bislang nicht kompensiert worden – weder durch den bemühten, aber glücklosen Derrick Walser noch durch seinen zwar schussstarken, aber wenig zielsicheren kanadischen Landsmann Shawn Heins. Lee ist immer noch auf der schwierigen Suche nach Personal: Spieler aus der sich in einer Spielpause befindenden National Hockey League (NHL) sollen es sein. Das geht aber eigentlich nicht, weil Eisbären-Eigner Philip Anschutz als Eigentümer des NHL-Klubs Los Angeles Kings zu den Klubbesitzern gehört, die die Spieler wegen des Streits um eine Gehaltsobergrenze ausgesperrt haben. Und der Wunsch seines Trainers Pagé nach einem „jungen Spieler, der die ganze Saison bleibt“ ist schwer zu erfüllen, da viele jüngere NHL-Spieler wie zum Beispiel die beiden deutschen Verteidiger Denis Seidenberg und Christian Ehrhoff verdonnert sind, in den Farmteams der NHL-Klubs zu spielen.

Stefan Ustorf hält die Diskussion um neue Spieler für müßig. „Wir sollten erstmal unsere Fehler in der Defensive analysieren“, meint er. Schließlich sei dazu ja nun auch Zeit, da die Eisbären erst am Sonntag gegen Augsburg wieder spielen müssen. Nur darum, die Leute zu befriedigen, die nach Stars aus Übersee brüllen, könne es doch nicht gehen. „Wir haben schon genug Potenzial in der Mannschaft.“ Zumindest in kämpferischer Hinsicht. Das haben die Eisbären am Sonntag beim 4:3 in Krefeld bewiesen.

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