Sieg in Bochum : Hertha führt hoch und zittert dann doch

Hertha BSC führt in Bochum schnell 3:0, kommt noch ins Straucheln und feiert schließlich einen 3:2-Sieg.

Claus Vetter[Bochum]
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Hertha herzt sich. Raffael, der Torschütze zum 1:0, umarmt Cicero, der zum 3:0 traf. Am Ende wurde es noch einmal eng. Foto: dpa

Ein Fußballspiel dauert 90 Minuten. Für viele Zuschauer im Bochumer Ruhrstadion dauerte es am Sonnabend nur 39 Minuten. Schuld daran war Hertha BSC. Als einige Fans des VfL die Arena erstaunlich früh verließen, hatte sich die souveräne Vorstellung der Berliner schon deutlich im Ergebnis niedergeschlagen – Hertha führte 3:0. Aber die Zuschauer waren voreilig geflüchtet, denn in der zweiten Halbzeit wurde es spannender, als es Hertha lieb war. Da wurde noch mal „alles möglich“, wie Trainer Lucien Favre später sagte. Bestraft wurden die Berliner Nachlässigkeiten aber nicht, Hertha rettete ein 3:2 (3:0) ins Ziel.

Spätestens seit Sonnabend erübrigt sich die Frage, ob die Berliner auch von ihrer Spielkunst her zum oberen Drittel der Bundesliga gehören. Daran kann es nach 14 Spieltagen keinen Zweifel geben. Der Tabellenvierte ließ sich in Bochum zumindest in der ersten Halbzeit durch nichts aufhalten. Nicht durch das mit Anpfiff einsetzende Schneetreiben und auch nicht durch den Gegner. Mit Entschlossenheit diktierten die Berliner mit ihrem schnellen und effektiven Angriffspiel den halben Nachmittag. Dass es in der zweiten Halbzeit dann weniger gut lief, lag wohl daran, dass sich Herthas Personal nach einer Halbzeit der drei gewonnenen Punkte zu sicher war. „Da müssen wir einfach schlauer sein“, sagte Mannschaftskapitän Arne Friedrich. „Die Gegentore dürfen nicht fallen.“

Vor den beiden Bochumer Toren hatten die Berliner ihre neue Klasse gezeigt. Bochums Trainer Marcel Koller hatte vor dem Spiel gesagt: „Hertha treibt wenig Aufwand und holt daraus den maximalen Ertrag.“ Nach wenigen Spielminuten musste Koller erkennen, dass dies für das Spiel am Sonnabend nicht galt. Die Mannschaft seines Schweizer Landsmannes Favre ließ Bochum 45 Minuten lang keine Chance zur Entfaltung. Erstmals belohnt wurden die Berliner für ihr Engagement, als Raffael nach einem Querschläger von Anthar Yahia ins Bochumer Tor köpfte.

Nach dem Führungstor rannte Raffael schnurstracks zu seinem Mentor Favre, um sich für das Vertrauen in seine zuletzt nicht immer gezeigte Kunst zu bedanken. Eitel Sonnenschein bei Hertha im Schneetreiben. Dabei hatte Favre vor dem Spiel noch mit seiner Aufstellung überrascht. Marko Pantelic saß nur auf der Bank. Der Torjäger war darüber nicht erfreut, auch nicht über Gerüchte, dass er zum Januar seine Charlottenburger Wohnung gekündigt haben und über einen Abschied aus Berlin nachdenken soll. „Es ist unglaublich, dass so etwas behauptet wird“, sagte Pantelic. „So ein Unsinn.“

Nun hätte die Geschichte von der andauernden Disharmonie zwischen Trainer und Stürmerstar am Sonnabend eine große Geschichte werden können – aber sie wurde keine, weil Hertha auch ohne den auf die Bank verbannten Pantelic klar kam. Nur acht Minuten nach Raffaels Tor erhöhte Gojko Kacar mit einem strammen Schuss auf 2:0, und nach einer Flanke des emsigen Maximilian Nicu köpfte Cicero zum 3:0 für Hertha ein. Die vielen Berliner Fans unter den 18 248 Zuschauern besangen schon mal den ihrer Meinung nach kommenden Deutschen Meister.

Meisterschaftsreif präsentierte sich Hertha dann fortan auf dem durchnässten Rasen aber nicht immer. Nachdem der eingewechselte Stanislav Sestak kurz nach der Pause das Bochumer Anschlusstor erzielt hatte, verloren die Berliner an Souveränität. Marcin Marciel gelang per Kopf das Tor zum 2:3, und eine Viertelstunde vor Schluss wurde es Trainer Favre zu bunt. Verwalten wollte er den Vorsprung nicht, er wechselte Pantelic nach dem zweiten Gegentor ein. Es passierte aber nichts mehr, Hertha brachte den Erfolg auch dank des guten Torhüters Jaroslav Drobny über die Zeit.

Vielleicht war es Lucien Favre sogar ganz recht, dass der Sieg nicht zu klar ausgefallen war. „Denn wir reden nicht von der Meisterschaft“, sagte der Berliner Trainer. „Die zweite Halbzeit hat gezeigt, dass es für uns in jedem Stadion schwer ist.“ Anscheinend nicht schwer genug: Das 3:2 von Bochum war bereits Herthas vierter Auswärtssieg im siebten Auswärtsspiel dieser Saison. Eine sehr gute Bilanz, die von den Berlinern auch spielerisch in Bochum 45 Minuten lang gerechtfertigt wurde.

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