Sport : Sieg in der Niederlage

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Von Richard Leipold

Halle (Westfalen). Auf der Tribüne des Gerry-Weber-Stadions in Halle saß eine füllige Frau und rief „Kiwi, Kiwi“. Manchmal benutzte sie auch eine Trillerpfeife, um ihre Anfeuerung zu verstärken. Ursula Gohla hat viel leiden müssen in den vergangenen Monaten. Ihre Aufmerksamkeit gilt dem Tennis-Profi Nicolas Kiefer, dem sie um die halbe Welt nachreist. Als Kiefer-Fan hat die in London lebende Bremerin ein Halbjahr voller Enttäuschungen hinter sich. Doch in den vergangenen Tagen wurde sie von ihrem Lieblingsspieler für ihre Treue belohnt. Beim ATP-Turnier in Halle zeigte Kiefer sich so gut in Form, dass Spaß und Spiel für ihn in Arbeit ausarteten. Wie vor drei Jahren, als er das Turnier gewann, blieb er bis zum Schluss. Im Finale am Sonntag unterlag er dem an Nummer eins gesetzten Olympiasieger Jewgeni Kafelnikow 6:2, 4.6, 4:6.

Zunächst hatte es so ausgesehen, als könnte Kiefer nach den Erfolgen über Pete Sampras und Roger Federer in Halle einen weiteren Gegner aus dem Kreise jener Profis bezwingen, die als Favoriten für die Internationalen Meisterschaften von England in Wimbledon gehandelt werden. Schnell entschied Kiefer den ersten Satz 6:2 für sich. Dann aber wurde Kafelnikow stärker. Obwohl der Russe wegen einer Fußverletzung behandelt werden musste, gewann er die folgenden beiden Sätze und damit zum dritten Mal nach 1997 und 1998 das Turnier in Halle. „Es war eine weise Entscheidung, in Halle anzutreten“, sagte Kafelnikow, der die zeitgleich stattfindende Veranstaltung im Londoner Queens Club regelmäßig meidet, weil er „das Wetter dort sehr frustrierend“ findet.

Auch Kiefer, mitunter als Schönwetterspieler verspottet, war froh, sich frei von Regenunterbrechungen auf Wimbledon einstimmen zu können. Binnen einer Woche hat er in Halle mehr geleistet als zuvor in gut fünf Monaten. Wie lange der Aufschwung anhalten wird, ist ungewiss. Kiefer äußert sich vorsichtig, als müsste er sich erst an seinen neuen Status gewöhnen. Es könne durchaus wieder vorkommen, dass er zweimal früh ausscheide, sagt er. Halle ist nicht Wimbledon, sondern nur eine Kopie, wenn auch eine von der Spielerorganisation ATP preisgekrönte. Diese Erfahrung hat Kiefer ebenso gemacht wie Kafelnikow. Dennoch könnte der Höhenflug der vergangenen Woche für den Deutschen eine Wende bedeuten. Trotz des verlorenen Endspiels fühle er sich „sehr wohl“, sagt Kiefer. „Ich bin wieder da, es geht wieder los.“

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