Sport : Sieg oder Sibirien

Erst spielten die Eisbären ums Überleben, dann gegen den Ruf der ewigen Verlierer

Sven Goldmann

Berlin - Eishockey im Osten, das war knapp 20 Jahre lang die kleinste Liga der Welt, Dynamo Berlin gegen Dynamo Weißwasser, hin und her, her und hin. 1990 wurden die beiden Dynamos in die Bundesliga aufgenommen, und diesmal reichte Weißwasser der vorletzte Platz nicht zur Meisterschaft. Die Berliner stiegen ab und 1992 sofort wieder auf. Seitdem gehören sie als EHC Eisbären zur höchsten Spielklasse, die seit 1994 Deutsche Eishockey-Liga (DEL) heißt. Am bescheidenen Erfolg aber ändern weder Klub- noch Liganame etwas. Regelmäßig landen die Eisbären am Tabellenende, und als sie die Saison 1995/96 mal wieder als Vorletzter beenden, formuliert Manager Lorenz Funk die Parole SOS – Sieg oder Sibirien.

Ein halbes Jahr zuvor hat der belgische Fußballer Jean-Marc Bosman vor dem Europäischen Gerichtshof das uneingeschränkte Arbeitsrecht für Sportler in der EU erstritten. Keiner setzt dieses Urteil so rigoros um wie die Eisbären. Fast die gesamte Belegschaft wird entlassen, dafür verpflichtet Funk 17 Profis aus Nordamerika und Skandinavien, alle ausgestattet mit EU-Pässen. Die runderneuerte Mannschaft startet durch bis in die Play-offs, schaltet dort den West-Berliner Rivalen Capitals aus und scheitert erst im Halbfinale an den Kassel Huskies.

Ein Jahr später sieht es zunächst gar nicht gut aus. Kurz vor Ende der Hauptrunde ist die Qualifikation für die Play-offs in Gefahr, Trainer Ron Kennedy muss gehen. Unter dem vom Assistenten zum Chef beförderten Peter-John Lee eilen sie von Sieg zu Sieg, schalten in den Play-offs erst Krefeld und dann Kassel aus. Im Finale geht es gegen die Mannheimer Adler, die die letzten drei Spiele gegen die Berliner verloren haben. Der Favorit aber scheitert am Erfolgsdruck, verliert das erste Spiel daheim 0:2 und das zweite 2:4. Vom dritten Finalspiel schwärmen Freunde des munteren Scheibenschießens noch heute als dem besten Eisbärenspiel aller Zeiten. 8:7 siegen die Berliner, aber der konditionelle Aufwand war zu groß. Zwei Tage später holen sich die Mannheimer mit einem 4:1 im Friedrichspark den Titel, und auch in der folgenden Saison sind sie zu stark für die Berliner, diesmal schon im Halbfinale. Drei Spiele gewinnen die Adler, eines die Eisbären.

Wer das als Enttäuschung verbucht, ahnt noch nicht, was die Zukunft bringt. Zwei Jahre in Folge schaffen sie es nicht in die Play-offs. Trainer Lee zieht sich zurück auf den Manager-Posten und verpflichtet als Nachfolger den schwedischen Weltmeistertrainer Kent Forsberg. Der aber widmet sich mehr der Konzeption seines Golfplatzes denn seiner Mannschaft, die er seinem Niveau für nicht angemessen hält. Sein Nachfolger ist der Kanadier Glenn Williamson, der als aktuelle Referenz einen Job in Japan aufweist. Nach ein paar Wochen wird er von Uli Egen beerbt, der es aber auch nicht in die Play-offs schafft. Ihm folgt Pierre Pagé, und mit ihm beginnt die zweite Erfolgsgeschichte des EHC Eisbären.

Pagé gilt bei seinem Dienstantritt im Januar 2002 in Berlin als der teuerste Trainer in Europa. Er führt die Eisbären in die Play-offs, scheitert schon im Viertelfinale, wieder an Mannheim, aber seine eigentliche Arbeit beginnt jetzt erst richtig. Pagé trimmt seine Mannschaft auf das attraktive Torpedo-System, führt sie auf Platz eins nach der Vorrunde, und nach dem leichten Sieg im ersten Halbfinalspiel gegen die Krefeld Pinguine spricht in Hohenschönhausen alles von der Meisterschaft. Die nächsten drei Spiele der Halbfinalserie aber gehen an Krefeld, was Pagé so erbost, dass er nach dem abschließenden 1:4 das Team in Krefeld sitzen lässt und allein zum Flughafen fährt. So schlecht, wie die alte Saison endet, beginnt auch die neue. Bei einem Trainingslager in Schweden werden die Eisbären Yvon Corriveau und Bradley Bergen im August 2003 der Vergewaltigung bezichtigt und inhaftiert. Die Vorwürfe erweisen sich später als haltlos, doch die Eisbären haben ihren Ruf als marodierende Söldner weg.

Auf dem Eis stecken sie alle Probleme ungerührt weg. Die Hauptrunde beenden sie auf Platz eins, spielen sich ohne Niederlage ins Finale, und nach dem 5:2 im ersten Spiel gegen die Frankfurt Lions spricht alles für die Eisbären – aber auch gegen sie, die Erfahrung des Vorjahres berücksichtigend. Frankfurt gewinnt die drei folgenden Spiele, und die Eisbären sind mal wieder, was sie schon zu DDR-Zeiten nie sein wollten: Zweiter.

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