Sport : Siege für die Geschichte

Belgiens Leichtathletik boomt dank Kim Gevaert Zu viel Rummel: Kim Gevaert konnte kaum noch auf die Straße gehen

Jörg Wenig

Berlin - Wilfried Meert, der Meeting-Direktor des Brüsseler Golden-League- Sportfestes, sprach vom „größten Moment in der belgischen Leichtathletik-Geschichte für die jetzige Generation“. Bei den Europameisterschaften in Göteborg hatte es vor knapp vier Wochen gleich zwei Goldmedaillen für Belgien gegeben. Zunächst gewann Tia Hellebaut überraschend den Hochsprung, und dann wurde nur Minuten später Kim Gevaert beste europäische Sprinterin. Nach den 100 Metern zwei Tage zuvor sicherte sich die 28-Jährige ihr zweites EM-Gold über 200 Meter. Schon mit ihrem 100- Meter-Sieg hatte Kim Gevaert belgische Leichtathletik-Geschichte geschrieben.

Nie zuvor hatte eine belgische Frau bei einer großen leichtathletik-Meisterschaft eine Goldmedaille gewonnen – weder bei Olympischen Spielen noch bei Welt- oder Europameisterschaften. Für Belgiens Männer hatte es in der EM-Geschichte, die 1934 begann, lediglich zweimal Gold gegeben. Der letzte Sieg liegt dabei 35 Jahre zurück. Nun gewannen die Belgier gleich dreimal in Göteborg. „Drei Goldmedaillen, das ist wundervoll für so ein kleines Land wie Belgien“, sagt Kim Gevaert. Sie wird beim Istaf über 100 Meter antreten, während Tia Hellebaut im Hochsprung versuchen möchte, nach Göteborg und Brüssel auch in Berlin zu gewinnen.

Eineinhalb Tage nach dem 100-Meter- Triumph der Kim Gevaert waren die 47 000 Karten für das Brüsseler Golden-League-Meeting ausverkauft. „Wir hätten dann noch mindestens 10 000 weitere Tickets verkaufen können“, erzählte Wilfried Meert. Die Begeisterung, die Kim Gevaert und Tia Hellebaut ausgelöst hatten, erlebten sie erst bei ihrer Rückkehr aus Göteborg so richtig. „Es war verrückt“, sagt Kim Gevaert und erzählt: „Auf dem Flughafen von Brüssel musste die Polizei um zehn Uhr abends die Menschen zurückhalten, damit wir überhaupt durchkamen. In meinem Heimatort in der Nähe von Brüssel fand noch in der Nacht eine Überraschungsparty für mich statt.“ In den folgenden Tagen überlegte Kim Gevaert jedes Mal, ob sie wirklich auf die Straße gehen sollte. „Ich bin tagelang nicht zum Briefkasten gegangen, denn ich wurde sofort von Menschen umringt, die mir gratulieren wollten.“

In der Zwischenzeit hat sich die Lage beruhigt. Die Begeisterung ist jedoch ungebrochen, wie auch das Golden-League-Meeting von Brüssel gezeigt hat, bei dem Kim Gevaert die 200 Meter gewann. Profitieren könnte davon die belgische Leichtathletik insgesamt. „Ich habe gehört, dass viele Kinder, besonders kleine Mädchen, jetzt Sprinterinnen oder Hochspringerinnen werden möchten und sich Vereinen anschließen“, erzählt Kim Gevaert. Als sie selbst klein war, hatte sie mit der Leichtathletik noch nichts im Sinn. Klavierspielen war das Hobby der Kim Gevaert. Und auch hier war sie erfolgreich und gewann als Jugendliche einige Preise. „Ich habe heute noch ein Klavier zu Hause und spiele manchmal.“

Der zwei Jahre ältere Bruder Marlon, früher ebenfalls Sprinter und heute als Sprint-Trainer in Neuseeland beschäftigt, brachte seine damals 15-jährige Schwester zur Leichathletik. Als 18-Järige hatte sie eine 100-Meter-Bestzeit von 11,63 Sekunden, mit 20 lief sie 11,40, und weitere drei Jahre später, 2001, war sie bei 11,26 angekommen. Danach feierte sie ihren ersten großen Sieg: Kim Gevaert wurde 2002 Hallen-Europameisterin über 60 Meter. Im gleichen Jahr gewann sie bei der EM in München jeweils Silber über 100 und 200 Meter. Jetzt, vier Jahre später, verbesserte sie sich mit einem gerade noch zulässigen Rückenwind von 2,0 Metern pro Sekunde auf 11,04 Sekunden.

Eine Siegchance hat sie damit beim Istaf gegen die amerikanischen und karibischen Sprinterinnen nicht. „Sherone Simpson läuft in dieser Saison sehr stark und immer wieder unter elf Sekunden. Das ist für mich so gut wie unmöglich zurzeit“, sagt Kim Gevaert.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben