Sport : Siege mit Effet

Schwedens Handballer holen den Supercup

Hartmut Moheit[Hannover]

Erst eine Minute vor dem Abpfiff des Endspiels beim 14. Handball-Supercup setzte sich Ingemar Linnell auf einen Stuhl und lachte entspannt. 59 Minuten lang hatte der schwedische Nationaltrainer fast ununterbrochen gestikuliert und Anweisungen gegeben, denn er und sein Team wollten beim Turnier der Olympiasieger, Welt- und Europameister diesmal unbedingt siegen. Dabei hatte Schweden in der Tui-Arena in Hannover den Finalgegner Frankreich von der ersten Minute an beherrscht und holte sich durch ein 29:22 (15:10) zum zweiten Mal nach 1993 die Trophäe. Dritter wurde Russland vor 4000 Fans durch ein 35:33 (15:19) gegen Kroatien. Bei beiden Spielen saßen die fünftplatzierten Deutschen auf der Tribüne und verfolgten von dort aus die Wiederauferstehung des schwedischen Männer-Handballs. „Dieser Erfolg tut uns allen sehr gut“, sagte Linnell nach der Siegerehrung, „jetzt werden wir weiter hart trainieren, damit wir bei der Weltmeisterschaft in Deutschland dabei sein können.“

Was in Schweden niemand für möglich hielt, ist im Juni dieses Jahres eingetreten: Ausgerechnet die Handball-Nationalmannschaft der Männer, seit 1988 ununterbrochen ein Team der Weltspitze, hatte gegen Polen die EM-Qualifikation verpasst. Gerade hatten die Fans den Fauxpas von der WM in Tunesien, als nur Rang elf herausgekommen war, halbwegs verkraftet, da traf sie die nächste Pleite. „Das war eine schwere Stunde für den schwedischen Handball“, sagt Stefan Lövgren heute moderat. Nach dem EM-Aus sei in den Medien seines Landes das Wort „Katastrophe“ immer häufiger zu lesen gewesen. Der Star vom THW Kiel fehlte seiner Mannschaft in dieser Zeit verletzt. Beim 14. Supercup war der nun 34-Jährige wieder dabei.

In einer Qualifikationsgruppe mit Weißrussland, Belgien und der Türkei kann sich Schweden im Januar 2006 nun noch nachträglich die Startberechtigung für die WM 2007 in Deutschland erkämpfen. „Das ist ein Muss für uns. Außerdem wollen die meisten Handball-Länder Schweden doch dabeihaben“, sagt Lövgren. Sicherlich liegt das an den leidenschaftlichen, fairen Fans, die jedes Spiel ihrer Mannschaft zu einem besonderen Erlebnis machen, und natürlich an der Spielweise der Nationalmannschaft. Beim Supercup hat sie eindruckvoll demonstriert, dass sie sich den neuen Trends absolut angepasst hat. Denn Handball heute, das ist wie ein 100-Meter-Lauf mit Ball.

Die Schnelligkeit der Spieler und der Ballwechsel haben nochmals zugenommen, und die Zuspiele an den Kreisläufer sind trickreich wie nie zuvor. Dafür steht bei Schweden vor allem Stefan Lövgren, der aus dem Handgelenk heraus Bälle unter größter Bedrängnis serviert. Er spielt sogar den Ball mit Effet so in den Kreis, dass der nach dem Aufsetzen zurück zum Kreisläufer springt. So einen Backspin gab es bislang nur beim Golf. Auch vom nur 1,66 Meter großen Ljubomir Vranjes, der für Nordhorn in der Bundesliga spielt, gehen viele Ideen aus. Im Finale gegen Frankreich warf er sogar ein Tor aus der zweiten Reihe. Und dann sind da noch die jederzeit torgefährlichen Kim Andersson aus dem Rückraum und Marcus Ahlm am Kreis (beide Kiel) sowie der ehemalige Hamburger Torwart Tomas Svensson im Tor als Rückhalt.

Doch nicht nur Schweden spielt diesen neuen Handball-Stil, den die deutsche Mannschaft so bisher noch nicht bieten konnte. Die Franzosen sind dazu ebenfalls in der Lage. Nur im Finale wirkten sie kraftlos, und bei dem schnellen hohen Rückstand auch nicht mehr sehr motiviert. Die hohe Finalniederlage schmerzte die Spieler nicht sonderlich: In Deutschland 2007 ist Frankreich als WM-Dritter dabei, und bei der EM in der Schweiz natürlich auch. In Frankreich glaubt kein Handball-Fan daran, dass es ihnen einmal so wie den Schweden ergehen könnte.

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