Sport : Siege sind sein Argument

Nach Griechenlands Finaleinzug verkneift sich Rehhagel jede Aussage zu seinem Traumjob Bundestrainer

Sven Goldmann[Porto]

Wahre Größe zeigt sich nicht in Siegen, sondern in Niederlagen. Tomas Rosicky war am Donnerstag ein kleiner Verlierer. „Wenn wir schlecht gespielt und dadurch verloren hätten, könnte ich gut damit leben. Aber so – schade, dass sich bei diesem Turnier wieder die Defensive durchgesetzt hat“, sagte der tschechische Nationalspieler und schlurfte nach der Niederlage im EM-Halbfinale zum Mannschaftsbus. Ein Glückwunsch an die siegreichen Griechen klingt anders.

Otto Rehhagel hat sich nicht daran gestört, dass halb Deutschland entsetzt aufschreit, wenn er für den vakanten Job des Bundestrainers gehandelt wird. Rehhagel hat das Argument des Erfolges auf seiner Seite, und dieses Argument wiegt mit jedem Sieg stärker. „Modern ist, wer gewinnt“, entgegnete der deutsche Trainer der griechischen Nationalmannschaft nach dem 1:0 über den EM-Favoriten Tschechien seinen Kritikern. Es fällt schwer, ihm zu widersprechen.

Im Regelwerk des Fußballs findet sich manch überdenkenswerter Passus, etwa der, dass mit einer Gelben Karte bestraft wird, wer sich beim Torjubel das Trikot auszieht. Es ist jedoch nicht verboten, sich mit allen zur Verfügung stehenden Spielern in die eigene Hälfte zurückzuziehen. Niemand schreibt vor, dass auf internationalem Niveau mit Vierer- oder Dreierkette gespielt werden muss. Bis heute wird der Rückgriff auf Reliquien wie Libero oder Manndecker nicht mit Punktabzug bestraft. Wenn eine Mannschaft sich damit durchsetzt gegen fortschrittliche Freigeister aus Frankreich oder Tschechien, nennt man das erfolgreiche Taktik, und dafür ist in der Regel der Trainer zuständig. Zudem ist es falsch zu behaupten, Rehhagels Griechen würden sich ausschließlich auf das Zerstören des gegnerischen Spiels konzentrieren. „Wir spielen einfach clever“, sagt Rehhagel. „Ich gebe ihnen Ratschläge, und sie setzten sie auf dem Platz wundervoll in die Tat um.“

Diese Griechen spielen klar strukturiert. Mit einfachen, aber klugen Pässen überbrücken sie das Mittelfeld, natürlich gestützt auf eine vielbeinige Abwehr. „Wir haben das Spiel der Tschechen eingefroren“, erzählte der überragende Libero und Torschütze Traianos Dellas. „Wir wussten, dass die Tschechen spätestens in der Verlängerung nervös werden, und wir wussten, dass wir sie dann schlagen werden.“

Otto Rehhagel saß zwei Stühle weiter und verrenkte seinen Oberkörper, um Dellas dankbar auf die Schulter zu klopfen. Er hat mit den ihm zur Verfügung stehenden Spielern das Optimale erreicht. Lässt sich vom zurückgetretenen deutschen Teamchef Rudi Völler dasselbe behaupten? Rehhagel weiß, dass sie in Deutschland Siege sehen wollen und dass ästhetische Moment dabei eine untergeordnete Rolle spielt. Auch die deutsche Weltmeistermannschaft von 1990 hat nicht schön gespielt, erst recht nicht jene, die vor zwei Jahren bei der WM in Fernost bis ins Finale kam.

Nach der Absage von Ottmar Hitzfeld ist der Zeitungsboulevard schon umgeschwenkt und fordert immer lauter Verhandlungen mit Rehhagel. Der wurde rasch gefragt, wie er zum Amt des Bundestrainers stehe. Vor ein paar Tagen hatte er diese Frage noch abgebügelt, er fühle sich wohl in Griechenland. Damals galt Hitzfeld schon als sicherer Bundestrainer. Nach der vorangegangenen Absage des deutschen Wunschkandidaten sparte Rehhagel sich das Dementi: „Wissen Sie, dieser Abend gehört allein meinen Spielern. Sie verdienen es.“

Damit hatte Rehhagel die Frage nicht beantwortet und doch ein deutliches Signal gegeben. Natürlich will er sich seinen alten Lebenstraum erfüllen und Bundestrainer werden. Doch die Altersweisheit seiner 65 Jahre hat ihn gelehrt, nicht öffentlich über seine Ambitionen zu reden. Die andere Seite ist in Zugzwang zu bringen. Noch blockt Gerhard Mayer-Vorfelder alle Fragen zu Rehhagel ab. Der DFB-Präsident saß beim griechischen Halbfinalsieg in Porto auf der Tribüne, und er ist Politiker genug um zu wissen, dass er zur Wahrung seiner Handlungskompetenz ein schnelles Ergebnis vorweisen muss.

Bisher galt als gesichert, dass ein Bundestrainer Otto Rehhagel am Widerstand des FC Bayern scheitern würde. Bei dem ist Rehhagel nach seinem desaströsen Abstecher in die Münchner Fußball-Schickeria vor acht Jahren unten durch. Inzwischen aber ringt sich sogar Rehhagels einstiger Oberkritiker Franz Beckenbauer zu einem Kompliment durch: „Die Griechen sind die Sensation des Turniers. Auch wenn ihr Stil nicht unbedingt attraktiv ist, haben sie es verdient, im Finale zu stehen.“ Und dafür ist vor allem einer verantwortlich: Otto Rehhagel.

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