Sport : Siegen und helfen

Die deutsche Biathlon-Mannschaft kümmert sich um behinderte Sportler

Helen Ruwald

Berlin - Vier Wochen vor Beginn der Weltcup-Saison hatte Biathlon-Bundestrainer Frank Ullrich einen Sonderauftrag für seine Skitechniker. Sie sollten nicht die Skier der Staffelweltmeister Ricco Groß und Sven Fischer wachsen, sondern die von geistig und psychisch behinderten Langläufern. Gemeinsam mit Ullrich fuhren sie ins Reha-Zentrum „Thüringer Wald“ in Schleusingen, 30 km entfernt vom Olympiastützpunkt Oberhof, wo viele Biathleten trainieren.

„Die Behinderten haben begeistert mitgewachst“, erzählt Ullrich. Sie fragten, wie hart ein Biathlet trainieren müsse und wie die Saisonvorbereitung sei. Biathlon kennen sie nur aus dem Fernsehen. Bei den Special Olympics, der Sportbewegung für geistig behinderte Menschen, fehlt diese Sportart: Der Umgang mit der Waffe wäre zu gefährlich.

Das gemeinsame Präparieren der Skier war der offizielle Beginn der Patenschaft des deutschen Biathlon-Teams mit den Thüringer Special-Olympics-Langlaufgruppen. Aber auch die Langläufer aus anderen Bundesländern, die im Februar 2005 in Nagano an den Weltspielen für geistig Behinderte teilnehmen, sollen davon profitieren. Drei Athleten aus Schleusingen, 17 bis 23 Jahre alt, werden in Japan am Start sein. „Der Sport ist für die geistig Behinderten die einzige Möglichkeit, um sich in der Öffentlichkeit darzustellen“, sagt Reinhard Morys, Trainer des Langlaufteams für Nagano und Sportlicher Leiter des Reha-Zentrums Schleusingen. Rund 300 Kinder, Jugendliche und Erwachsene werden dort gefördert und betreut, in Schulen, Werkstätten – und im Sport. „Außenstehende kommen normalerweise nie in ihren Alltag. Bei den Weltspielen aber werden sie vom Bürgermeister empfangen", sagt Morys. Dort, aber auch bei den nationalen Sommer- und Winterspielen, haben die Sportler die Möglichkeit, die gesellschaftliche Akzeptanz zu bekommen, die ihnen sonst oft versagt bleibt. Die deutschen Biathleten wollen dabei helfen, die Trainingsbedingungen zu verbessern – mit Geld, Material und Know how. Am vergangenen Sonntag nahm Frank Luck, der seine Karriere im März nach dem elften WM-Gold beendet hat, bei der Ehrung der „Sportler des Jahres“ in Baden-Baden den mit 12 500 Euro dotierten Sparkassen-Förderpreis entgegen. Der Großteil des Geldes geht in die Nachwuchsarbeit, aber auch die geistig behinderten Sportler in Lucks Thüringer Heimat bekommen etwas ab. Bindungen und Langlaufjacken für Nagano sollen davon gekauft werden. Frank Ullrich stellte zudem den Kontakt zu Adidas und Fischer-Ski her. Die Firmen spendeten Langlaufskier und Skikleidung. „Jetzt laufen die Sportler nicht mehr vogelwild herum", sagt Ullrich. Er meint das nicht abwertend. Für ihn ist die Patenschaft nicht bloß Pflichterfüllung. In Schleusingen trat er den Sportlern gegenüber so auf, als würde er dort arbeiten. „Er war ganz locker", sagt Reinhard Morys.

Die Männer kennen sich schon lange, die Töchter gingen gemeinsam aufs Sportgymnasium Suhl. Schon in den vergangenen Jahren gab es erste Kontakte von Trainer zu Trainer. Bei den Special Olympics Winter Games 2001 in Alaska traten die Deutschen mit den Weltcupskiern von Frank Luck, Peter Sendel und Sven Fischer an. Später lud Fischer, derzeit Gesamtzweiter im Weltcup, die Schleusinger Gruppe nach Oberhof ein. Dort fuhren die Behinderten Rollski und durften unter Aufsicht sogar an den Schießstand. „Sie waren sehr begeisterungsfähig, das hat mich fasziniert", erzählt Ullrich. Nachdem Morys vor kurzem Bundestrainer wurde, rief er Ullrich an und bat um Hilfe. So entstand schließlich die Patenschaft. Der Biathlon-Trainer hatte sich inzwischen intensiver mit den Special Olympics befasst. Ihm gefiel, wie selbstverständlich in den USA Sponsoren die Bewegung unterstützen, die 1968 von Eunice Kennedy-Shriver, der Schwester des ermordeten Präsidenten John F. Kennedy, gegründet worden war. „Deutschland war 30 Jahre später dran, die Bedingungen waren spartanisch", sagt Ullrich. Lange über die Patenschaft nachdenken musste er deshalb nicht.

Im Frühjahr wollen Biathleten und Langläufer gemeinsam zum Bowling gehen, beim Biathlon-Weltcup im Januar in Oberhof werden die geistig behinderten Langläufer beim Staffelrennen im Stadion sein. Um anzufeuern und um zusätzliche Motivation für Nagano zu bekommen. „Das sind Menschen wie du und ich, die in ihrer Persönlichkeit unterstützt werden sollen", sagt Frank Ullrich.

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