Sport : Sieger ohne Freunde

Der designierte Formel-1-Weltmeister Hamilton wird im Feld wegen angeblicher Bevorzugung kritisiert

Karin Sturm[Schanghai]

Das Image vom Wunderkind hat sich Lewis Hamilton über Monate hinweg geschickt aufgebaut. Der Brite gilt in der Öffentlichkeit als Strahlemann und Sympathieträger der Formel 1, als der große Gegenspieler vom angeblichen „Bösewicht“ Fernando Alonso. Doch mindestens im McLaren-Team wissen viele seit der Boxenstopp-Affäre von Ungarn, als ihn der Teamkollege Alonso blockierte hatte, dass Lewis Hamilton in Wirklichkeit nicht der reine Unschuldsengel ist und dass er politische Spielchen, Tricks und das ein oder andere unsaubere Spielchen mindestens genauso gut beherrscht wie alle anderen. Und ausgerechnet jetzt, da ihm bei zwölf Punkten Vorsprung auf Fernando Alonso nur noch ein kleiner Schritt zum vorzeitigen WM-Titel schon an diesem Wochenende in Shanghai fehlt, bekommt das Bild des fairen Saubermannes auch öffentlich ein paar Risse.

Der Weltverband Fia leitete eine neue Untersuchung über Hamiltons Verhalten hinter dem Safety-Car beim Regenrennen vor einer Woche in Fuji ein: Denn ein von einem japanischen Fan von der Tribüne aus aufgenommenes Video zeigt deutlich, dass Hamilton hinter dem Safety-Car plötzlich deutlich langsamer wird und auch weit nach rechts fährt – und damit seine Kontrahenten hinter sich in massive Schwierigkeiten bringt. „Er hat da einen Scheißjob gemacht“, hatte Red-Bull-Pilot Mark Webber dem Briten schon vorher öffentlich vorgeworfen. „Er hat damit sicher einen großen Teil zum Unfall zwischen Sebastian Vettel und mir beigetragen.“

Vettels Toro-Rosso-Teamchef Franz Tost hatte die Sportkommissare auf das Video aufmerksam gemacht, „nicht, um eine Strafe für Hamilton zu erwirken, sondern in erster Linie, um zu erreichen, dass die gegen Sebastian aufgehoben wird.“ Vettel war mit einer Rückversetzung um zehn Plätze in der Startaufstellung für Schanghai bestraft worden. Das Fia-Reglement lässt angesichts neuer Beweise eine Rücknahme dieser Strafe zu, gleichzeitig könnte Hamilton vor seinem Versuch, schon in Schanghai den Weltmeistertitel perfekt zu machen, große Probleme bekommen: Es droht zumindest eine Rückversetzung in der Startaufstellung, rein theoretisch wäre sogar eine nachträgliche Disqualifikation für das Japanrennen möglich. Das ist aller Erfahrung nach allerdings unwahrscheinlich.

Felipe Massa hatte sich ebenfalls kritisch über Hamilton geäußert: „Sicher hat Lewis in diesem Jahr insgesamt eine sehr gute Leistung gebracht – und er hätte deshalb den Titel auch verdient“, stellte er fest. Doch der Brasilianer betonte andererseits auch: „In diesem Jahr sind schon einige Sachen passiert, wo andere für Lappalien bestraft worden sind, bei Lewis Hamilton hatte man aber immer das Gefühl, dass da viel Wohlwollen im Spiel war, dass ihn eine Menge Leute sehr gerne als Weltmeister sehen wollen.“ Der Brasilianer spielte dabei nicht nur auf die Vorfälle in Fuji an, sondern auch auf den Start in Monza, als Hamilton ihn mit einem Abschneider über die Schikane überholt hatte.

Auch andere glauben an Sonderrechte für Hamilton: Robert Kubica und BMW-Motorsportchef Mario Theissen wunderten sich über die Strafe für Kubica nach der Kollision mit Hamilton in Japan, und bei Renault gab es Kopfschütteln über eine Anweisung der Fia, Heikki Kovalainen solle hinter Hamilton doch bitte mehr Abstand halten – dabei sei der mit seinem provokanten Langsamfahren an der geringen Distanz Schuld gewesen.

Sollte Hamilton jetzt doch einmal eine Strafe bekommen, steigen natürlich die Chancen, dass sich die WM-Entscheidung bis zum letzten Rennen hinauszögert. Was zumindest einigen Formel-1-Verantwortlichen aus kommerziellen Gründen auch gelegen käme.

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