Sport : Sieger ohne Medaille

Ringer Alexander Leipold ist bei der EM schon ausgeschieden – seinen größten Erfolg hatte er ohnehin abseits der Matte

Friedhard Teuffel

Berlin. Für Alexander Leipold hat die Zeit des Abschieds begonnen. In der vorigen Woche hat er erklärt, nicht mehr für Schifferstadt ringen zu wollen, seine Bundesligakarriere sei damit beendet. Und gestern, hat er die Chance verpasst, zum letzten Mal bei einer großen internationalen Meisterschaft eine Medaille zu gewinnen. Bei der Europameisterschaft in Ankara ist Leipold bereits in der Vorrunde gescheitert. Nach seinem Schultersieg gegen den Belgier Semih Arslan unterlag er in der zweiten Runde dem Griechen Emzar Bedinidis mit 0:5.

Mit seinen 34 Jahren käme das Karriereende nicht überraschend. Um ein bisschen zurückschauen zu können, hat Leipold auch schon eine besondere Reise gebucht. Im Mai wird er eine Woche mit Mönchen in einem Shaolin-Kloster in China verbringen. „Die Shaolin-Mönche gelten als die Erfinder der Kampfkunst“, sagt Leipold. Aber das ist nur ein Grund für seine Reise. Seit den Olympischen Spielen 2000 in Sydney hat der Welt- und Europameister im Freistilringen noch nicht die Zeit gefunden, einmal mehrere Tage lang ganz für sich zu sein. Er will sich schließlich um seine Familie kümmern, er arbeitet als Industriekaufmann und bildet als hessischer Landestrainer den Ringernachwuchs aus. Da findet er keine Ruhe. „In China aber spricht keiner Deutsch.“ Leipold will mit den Mönchen meditieren. Das wird ihm vielleicht helfen, mit zwei unglücklichen Ereignissen besser zurechtzukommen: mit der Aberkennung seiner olympischen Goldmedaille von Sydney wegen eines positiven Dopingbefunds und mit seinen drei Schlaganfällen im vorigen Jahr.

Bisher hat er sich mit einfachen Vergleichen geholfen. „Warum hätte ich dopen sollen? Das wäre, als wenn ich wüsste, dass vorne eine Radarfalle steht und ich trotzdem mit 200 Stundenkilometern reinfahre“, sagt er. Ihn plagt die Ungewissheit, warum seine Dopingprobe nach dem olympischen Finale positiv war. Leipold musste seine Medaille zurückgeben. Alle Einsprüche halfen nichts. Wenn er wirklich nicht gedopt hat, hat er nicht gegen einen Ringer verloren, sondern gegen einen unbekannten Feind, und er fragt sich: Wieso hatte ich eine so hohe Menge des Steroids Nandrolon in meinem Körper?

Nach Sydney hat Leipold versucht, ganz normal weiterzumachen. „Eine Woche später bin ich wieder ins Training gegangen, man war wieder in der Familie.“ Am Anfang sei er einige Male bei Empfängen als Olympiasieger vorgestellt worden, da habe er widersprochen, die Medaille sei ihm doch aberkannt worden. Irgendwann hat er es dann so stehen lassen, und inzwischen sagt er sich: Ich bin ein Olympiasieger ohne Medaille. „Ich bin mit mir im Reinen.“ Um das zu dokumentieren, hat er ein Foto auf seine Internetseite gestellt, auf dem er in die Goldmedaille beißt.

Dennoch erscheint seine Karriere wie ein Bild ohne Rahmen. Leipold galt früh als „Jahrhunderttalent“, aber dafür fehlt ihm der Olympiasieg. Er wird wohl keine Chance mehr bekommen, die Medaille noch zu gewinnen. Sein Antrag auf eine Wildcard für die Spiele in Athen wurde abgelehnt. Eine Wildcard bekommen nur Ringer aus Ländern, aus denen sich kein Ringer qualifiziert hat. Er kann jetzt nur noch hoffen, dass Startplätze zurückgegeben werden. „Ich bereite mich trotzdem auf Athen vor. Am Tag des Wiegens werde ich dann schon wissen, ob ich dabei bin oder nicht“, sagt Alexander Leipold.

Die Qualifikation hatte er verpasst, weil er im Sommer 2003 drei Schlaganfälle erlitten hatte. Er hatte eine Viruserkrankung nicht ganz auskuriert und war dann kollabiert. In den ersten Tagen danach konnte Leipold nicht einmal sprechen, er war halbseitig gelähmt. Doch der Wunsch, wieder zu ringen, hat ihm geholfen. „Ich habe bei weniger als null angefangen.“ Umso höher sind seine Erfolge danach zu bewerten. Zweiter bei den deutschen Meisterschaften ist er geworden, und Zweiter bei einem internationalen Turnier in Polen. Dass er überhaupt zurückgekommen ist, bezeichnet er als „meinen größten Sieg“. Leipold sagt deshalb: „Alles, was jetzt noch kommt, ist eine Zugabe.“

Eine Zugabe gibt er selbst noch in der nächsten Saison beim drittklassigen AC Bavaria Goldbach. In diesem Klub war er 1986 mit den Schülern zum ersten Mal Deutscher Meister geworden. „Da schließt sich der Kreis“, sagt Leipold. Er sucht offenbar nach einem runden Verlauf, weil in seinem sportlichen Leben zwei Widersprüche wie zwei Zacken herausragen. Erst hat Alexander Leipold gewonnen, ohne ein Sieger zu sein, dann war er ein Sieger, ohne gewonnen zu haben.

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