Sport : Sieger, Versager, Vorbild

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Robert Ide über die Rückkehr

von Jan Ullrich

Was haben wir ihn ausgelacht! Wie er dasaß mit eingeschüchterter Mine, mit stockender Stimme, mit Schweiß auf der Stirn – eine jämmerliche Gestalt. Ein ehemaliger Star, der der Nation seine Fehler erklärte: Drogen, falsche Freunde, Fahrerflucht. Das war Jan Ullrich. Vor gerade einmal einem Jahr.

Wie freuen wir uns über ihn! Wie er auf seinem Rennrad sitzt mit frischer Mine und starkem Tritt, wie er ins Mikrofon spricht mit ruhiger Stimme, wie seine Augen weinen bei der Siegerehrung und sein Mund dazu lacht. Das ist Jan Ullrich. Das ist Deutschlands neuer Star.

Wie hat er das geschafft? Eben noch war der deutsche Radfahrer abgestürzt: Olympiasieger, Gewinner der Tour de France – all das zählte nicht mehr. Es zählte nur, dass es einen Mann gab, der mit seinem Leben nicht mehr klar kam. Einen Mann, vor dem die Öffentlichkeit den Respekt verlor.

Erst umjubelt, dann verachtet. Manche Sportler kennen das. Franziska van Almsick hat das Land einst vom Schwimmen begeistert und danach enttäuscht. Auch sie wurde ausgelacht; als Millionärin, die als Molch im Wasser untergeht. Nach einer Pause kam sie zurück – bescheiden, erwachsen, selbstgewiss. Die Öffentlichkeit bekam endlich Respekt vor ihr. So ist es auch bei Ullrich – egal, ob er die Tour jetzt gewinnt oder nicht.

Comebacks sind im Sport nicht ungewöhnlich. Ausnahmeathleten wie Skifahrer Hermann Meier kehren nach schweren Verletzungen zurück und verdienen Anerkennung. Und dann gibt es welche, die leisten noch mehr: Nach einem Absturz besinnen sie sich neu. Sie kehren in sich, konzentrieren sich wieder auf Freunde und Familie. Dabei entdecken sie das, was sie am besten können: den Sport. Und die Öffentlichkeit entdeckt das, wonach sie sich sehnt: ein echtes Vorbild.

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