Sport : Siegerin außer Plan

Venus Williams erlebt mit ihrem Triumph im Wimbledon-Finale ein erstaunliches Comeback

Benedikt Voigt

London - Es muss Venus Williams schwer gefallen sein, ihre großen goldenen Ohrringe zu opfern. Die 25-jährige US-Amerikanerin liebt Accessoires. Sie hat eine eigene Modekollektion entworfen und präsentiert ihre Entwürfe gerne auch auf dem Tennisplatz. Trotzdem hat sie die auffälligen Ohrringe vor ihren letzten beiden Matches in Wimbledon im Hotelzimmer gelassen. „Sie haben sich immer im Handtuch verfangen, wenn ich mich abgewischt habe“, sagte Williams, „im letzten Match wollte ich mich nicht damit beschäftigen.“ Es gab Wichtigeres.

Tennis hat wieder die größte Bedeutung im Leben der Venus Williams. Zuletzt schien das nicht mehr der Fall gewesen zu sein, doch spätestens nach ihrer Leistung im diesjährigen Wimbledonturnier kann es keinen Zweifel mehr daran geben. In einem dramatischen Finale hatte sie nach zwei Stunden und 45 Minuten die bedauernswerte Lindsay Davenport 4:6, 7:6, 9:7 bezwungen. Der Sieg über die Nummer eins der Weltrangliste bescherte Venus Williams den dritten Wimbledontitel nach 2000 und 2001. Im Halbfinale hatte sie bereits die Hoffnungen der Russin Maria Scharapowa auf eine Titelverteidigung zunichte gemacht. Ebenfalls bereits ohne Ohrringe. Begeistert hüpfte Venus Williams nach ihrem Finalsieg minutenlang auf dem Platz auf und ab. „Dieser Sieg hat sicher eine besondere Bedeutung für mich“, sagte sie, „ich war hier an Nummer 14 gesetzt, ich war nicht dafür vorgesehen zu gewinnen.“

Tatsächlich fehlen ihr seit drei Jahren die Erfolge. Im Februar 2002 stand sie in der Weltrangliste an Nummer eins, doch seitdem sank ihre Leistungskurve. Erst verhinderte ihre Schwester Serena weitere Grand-Slam-Siege, dann folgten eine Verletzung und im September 2003 der Mord an ihrer älteren Schwester Yetunde Price. Die Familie spricht nicht darüber in der Öffentlichkeit, doch der Mord hat sie alle schwer getroffen. Die Schwestern spielten weiter Tennis, doch größere Erfolge blieben aus. In das diesjährige Wimbledonturnier ging Venus Williams als Nummer 16 der Weltrangliste. Nun steht sie wieder ganz oben.

Das Finale hatte Venus Williams nervös begonnen, doch durch ihren Kampfgeist konnte sie das Match zunächst offen gestalten. Einmal rutschte sie auf dem Rasen aus, lag am Boden – und versuchte trotzdem im Liegen den Ball über das Netz zu spielen. „Ich habe das von Serena, sie hat einmal ein Match gespielt, das sie schon verloren hatte, aber sie hat einfach weitergekämpft“, erinnert sich die ältere der beiden Schwestern, „danach wollte ich immer so sein wie sie.“ Im Finale konnte sie allerdings nicht mehr an ihr überragendes Niveau aus dem Halbfinale anknüpfen, der zweite Aufschlag wackelte und den Vorhandschlägen fehlte oft die Präzision. „Mein Vater sagt immer, manchmal musst du einfach gewinnen, selbst wenn du nicht auf deinem besten Niveau spielst“, sagte Venus Williams.

Ist Tennis nun wieder die Nummer eins in ihrem Leben? „Es füllt mein Leben aus, aber es sollte nicht das Wichtigste sein“, sagte Venus Williams nach ihrem fünften Grand-Slam-Titel. Sie, die wie Serena und ihre Mutter Oracene zu den Zeugen Jehovas gehört, ist dazu erzogen worden, den Sport nicht zu wichtig zu nehmen. „Tennis ist nur eine Station in meinem Leben, eines Tages wird es weitergehen.“ Darauf wolle sie sich vorbereiten. „Ich lebe und sterbe nicht mit einem Sieg oder einer Niederlage.“

Lindsay Davenport wird allerdings an diesem Ergebnis noch einige Zeit zu knabbern haben. „Ich fühlte, dass ich den Sieg genauso wie sie verdient hätte.“ Es dürfte auch kein Trost sein für die 29-Jährige, dass das Match als das längste Wimbledon-Finale der Frauen in die Geschichtsbücher des Tennis eingehen wird. Kurioserweise werden die beiden Gegnerinnen schon in der nächsten Woche auf der gleichen Seite des Netzes stehen, wenn sie für die USA im Fed-Cup gegen Russland spielen.

Im Gegensatz zu vielen anderen war Venus Williams immer davon überzeugt, dass sie irgendwann im Tennis wieder ganz oben stehen würde. „Ich wusste, dass es mein Schicksal ist, im Kreis der Gewinner zu sein“, sagte sie, „es gab Zeiten, in denen ich es nicht bis dahin geschafft habe, aber ich habe gefühlt, dass es mein Schicksal ist, große Titel zu gewinnen.“ Kurz hielt sie inne, dann ergänzte sie: „Viele Titel.“ Ihr Ehrgeiz ist schon lange wieder zurück. Man hatte es nur noch nicht gemerkt.

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