Sport : Siegertypen – und Deutsche

2004 findet in Dortmund die Eiskunstlauf-WM statt, für die Gastgeber war die Weltmeisterschaft in Washington schlechte Werbung

Frank Bachner

Berlin. Jewgeni Pluschenko aus Sankt Petersburg wachte in seinem Hotelzimmer in Washington auf und hatte Schmerzen. Sein Knie war entzündet und knallrot. Er hätte sich jetzt eine schmerzstillende Spritze ins Knie jagen lassen können, er wollte ja ein paar Stunden später Weltmeister im Eiskunstlauf werden. Sein Arzt strich ihm aber nur eine Salbe aufs Knie, und am Abend holte Pluschenko den Titel. Das Knie hatte schon nach dem Kurzprogramm geschmerzt, aber Pluschenko sprang seine Vierfachsprünge und baute sogar seine Führung aus. Bei diesem Kurzprogramm landete Andrejs Vlascenko aus München auf Platz 22, und danach sagte er einem TV-Reporter: „Ach ja, unter die ersten zehn werde ich im Finale wohl nicht kommen. Aber das ist halt so.“ Es klang, als wollte er den Zuschauern gerade die Uhrzeit mitteilen. Im Finale kam er auf Rang 17. Auch Silvio Smalun aus Oberstdorf tauchte vor dem Herren-Finale im Fernsehen auf. „Es ist meine erste WM, ich bin aufgeregt und verunsichert“, sagte er. Nach dem Kurzprogramm lag er auf Platz 24. Im Finale landete er auf Rang 23. Smalun ist der amtierende Deutsche Meister.

Natürlich ist der zweimalige Weltmeister Pluschenko eine Klasse für sich. Er wäre wohl auch besser als Smalun und Vlascenko gewesen, wenn er mit drei Nummern zu kleinen Schuhen gelaufen wäre. Pluschenkos Biss ist nicht schuld daran, dass die Deutschen so blamabel bei dieser WM abschnitten. Dass sie so schlecht waren wie seit 50 Jahren nicht mehr. Und dass Platz 15 schon ein Hoffnungsschimmer ist. Weil Eva-Maria Fitze und Rico Rex, die 15. im Paarlauf, erst seit Mai 2002 zusammen sind. Aber Pluschenko zeigte, was den Deutschen fehlt. Er zeigte Härte und Willen. Es gibt Siegertypen und die Deutschen. „Unsere Läufer irritiert alles, wir sind Weltmeister im Ausredesuchen“, tobte Reinhard Mirmseker, der Chef der Deutschen Eislauf-Union (DEU) vor Journalisten in Washington. Vlascenko hat den Trainer gewechselt. Er hatte in der Saison einen Leistenbruch. In Washington erklärte er, das sei schuld an seinen Leistungen.

Ach was, sagen Experten, er entwickelt sich seit Jahren nicht weiter. Bei den Deutschen Meisterschaften 2003 in Oberstdorf lästerten sie über den 28-Jährigen. Aber der gebürtige Lette kann sich die Sattheit leisten, in Deutschland jedenfalls. Da ist er immer noch stark genug. Es fehlt der Druck von Gegnern. Smalun ist ja auch keiner dieser Leute, die einen treiben. An ihm kann man auch ganz gut die traurige Situation festmachen. Smalun ist 23, er war schon 2001 Deutscher Meister, er müsste eigentlich Härte haben. Stattdessen ist er ein Fall für den Psychologen. Er fiel so oft im Wettkampf, dass er wie ein Nervenbündel auftritt. Deshalb engagierte er sogar einen Psychologen. Aber nach ein paar Monaten hatte Smalun kein Geld mehr, und der Psychologe war wieder weg. Seit 1999 trainiert Smalun den vierfachen Toeloop. Im Oktober 2001 hat er ihn im Training zum ersten Mal gestanden. Im Wettkampf bis heute nicht. Kein einziger deutscher Läufer hat im Wettkampf je einen vierfachen Toeloop gestanden. Die Weltspitze beherrscht ihn längst.

Einer wie Smalun wird trotzdem Deutscher Meister, weil vieles schief lief und läuft im deutschen Eiskunstlauf. Bis vor zwei Jahren etwa wurden sensible Talente fast schon verheizt. Es gab keine Juniorenklasse, wer mit 13 Jahren gut genug war, durfte gleich bei den Herren und Damen laufen. „Das ist doch viel zu früh, so junge Sportler halten doch dem Druck nicht stand“, sagt Oliver Willikonsky, der Präsident des Stuttgarter ERC. Eva-Maria Fitze zum Beispiel. Die war mit 14 Jahren Deutsche Meisterin, durfte ins „Aktuelle Sportstudio“ und fühlte sich kurz darauf „völlig überfordert“. Mit 15 erkrankte sie an Magersucht. „Ich wäre damals gerne noch in der Jugendklasse gelaufen“, sagt sie. Doch die gab es damals noch nicht. „Erst seit zwei Jahren läuft es bei den Talenten in die richtige Richtung“, sagt Willikonsky. Aber einen Topläufer formt man in sechs, sieben Jahren.

Doch es gibt ja auch Trainer als Problemfälle, sagen die Experten. Satte, gut versorgte Trainer. Oder zumindest gab es sie bis vor kurzem. „Der Verband hatte zu viele Trainer ohne richtigen Leistungsnachweis bezahlt“, sagt Willikonsky. Jetzt werden die Betreuer streng nach Leistung bezahlt. Das Modell ist problematisch, weil diverse Trainer extrem von den Leistungen ihrer Athleten abhängig sind. „Aber es ist trotzdem das richtige Modell“, sagt Willikonsky. Norbert Schramm, der Europameister von 1982, hat 2002 der „Stuttgarter Zeitung“ gesagt: „Ich gehe oft zu Trainerfortbildungen. Aber wenn ich da in die Runde schaue, muss ich leider sagen, es ist tragisch, wer sich da alles um das deutsche Eiskunstlaufen kümmert.“ Damals hieß die DEU-Präsidentin noch Angela Siedenburg, berüchtigt dafür, alles schönzureden.

Reinhard Mirmseker, ihr Nachfolger, fährt eine härtere Linie. Schließlich findet die WM 2004 in Dortmund statt. DEU-Trainer müssen jetzt zu internationalen Topbetreuern, quasi eine Art Nachhilfe. Alexej Mischkin, Pluschenkos Trainer, beobachtete im Sommer 2002 in Davos ein Sommercamp mit deutschen Läufern und Trainern. In Washington erzählte er Journalisten: „Ich habe gar nicht die Zeit, um alle Fehler aufzuzählen, die ich da gesehen habe.“

Erst langsam rücken junge ambitionierte Trainer nach. Wie Ingo Steuer, der Ex-Weltmeister im Paarlauf. Er trainiert Fitze/Rex. Aber junge Trainer allein reichen nicht aus. Michael Huth ist auch einer dieser Neuen. Er trainiert unter anderem Silvio Smalun. Aber Huth lehnte auch bei den Deutschen Meisterschaften an der Bande und schaute traurig übers Eis. „Hier, in Oberstdorf, ist ein Eiskunstlauf-Olympiastützpunkt“, sagte er und machte eine kurze Pause. Ja, und? „Und wissen Sie was, hier gibt es nicht mal einen Ballettmeister. Das ist eigentlich unvorstellbar.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben