Sport : Silber macht glücklicher

Die deutschen Skispringer rücken überraschend auf Platz zwei – Österreich holt WM-Gold auf einem Ski.

Lars Becker[Val di Fiemme]
Neue Sportart: Ein-Ski-Springen. Manuel Fettner beweist die gute österreichische Grundausbildung im Skifahren. Foto: dpa
Neue Sportart: Ein-Ski-Springen. Manuel Fettner beweist die gute österreichische Grundausbildung im Skifahren. Foto: dpaFoto: AFP

Es war ein dramatischer Skisprung-Abend in Predazzo, dessen Finale erst lange nach dem Ende des spektakulären sportlichen Geschehens über die Bühne ging. Schlussspringer Richard Freitag, der dem deutschen Team mit einem hauchdünnen Vorsprung von 0,8 Punkten oder 40 Zentimetern auf Polen vermeintlich Bronze gerettet hatte, wollte mit seinen Teamkollegen zur Blumenzeremonie. Doch die ziemlich ratlos schauenden Deutschen durften nicht. Auf dem Siegerpodest wurde entgegen aller Gepflogenheiten nur Österreich um den Ein-Ski-Springer Manuel Fettner zum fünften Mal in Serie als Team-Weltmeister geehrt. Die Plätze daneben blieben leer.

Kurze Zeit später klärte sich das Rätsel. Deutschland hatte Protest gegen die auf der Anzeigetafel als Silbergewinner gefeierten Norweger eingelegt. Einzel-Weltmeister Anders Bardal waren im ersten Durchgang 6,7 Punkte für die Verkürzung seines Anlaufs gutgeschrieben wurden. Er hatte seine Startluke aber gar nicht geändert – das wiesen die Videobilder unzweifelhaft nach. Der peinliche Fehler im Ergebnissystem wurde korrigiert und Deutschland hatte plötzlich Silber statt Bronze gewonnen. Polen freute sich nachträglich über Bronze, für Norwegen blieb Platz vier.

„Man kann sich nicht vorstellen, wie schwer Rechnen manchmal ist“, sagte Bundestrainer Werner Schuster. Auch sein Springer Severin Freund konnte die Enttäuschung über die verpasste Zeremonie verschmerzen. Schließlich gab es ja am Abend in Cavalese die Silbermedaillen bei der richtigen Siegerehrung. „Und die ist noch ein ganzes Stück schöner.“, sagte Freund, „auch wenn wir uns diesmal die goldene Medaille noch nicht geholt haben, aber das klappt schon noch irgendwann.“

Mit diesem Ziel, den ersten WM-Titel seit 2001 zu gewinnen, hatte Chefcoach Schuster sein Quartett ins Rennen geschickt. Nach den in der Breite starken Einzelergebnissen kein utopisches Ziel. Es klappte nicht, weil nur Richard Freitag und Andreas Wank ihre besten Sprünge zeigten. Michael Neumayer und Severin Freund zeigten dagegen Nerven. „Das war trotzdem ein guter Lernprozess, mit diesem Anspruch auf Gold reinzugehen“, sagte Schuster: „Außerdem hat Österreich nach der skifahrerischen Leistung von Manuel Fettner verdient gewonnen.“

Die spektakuläre Fahrt von Fettner auf einem Ski war zweifellos der Höhepunkt eines spannenden Abends, an dem zeitweise fünf Teams die Chance auf Gold hatten. Fettner verlor nach der Landung seines Fluges bei einer Geschwindigkeit von über 100 Stundenkilometern einen Ski, doch er schaffte es auf wundersame Weise weiter geradeaus zu fahren und erst nach der Sturzlinie zu Fall zu kommen. „Das ist die gute österreichische Grundausbildung im Skifahren“, sagte Schuster.

Laut Schuster legte vor allem Richard Freitag eine Reifeprüfung ab. Als Schlussspringer hielt der Sachse dem für ihn neuen Nervendruck stand. Mit einer WM-Einzelmedaille hatte es für ihn wie für die anderen Deutschen zwar nicht geklappt, aber am Ende gab es nach Bronze im Mixed doch noch ein gutes Ende. „Der Tag heute gibt mir Kraft, Mut und Selbstvertrauen“, sagte Freitag: „Und Silber macht mich noch glücklicher als Bronze.“

1 Kommentar

Neuester Kommentar