Sport : Silber – mit weichen Beinen

Als einziger Biathlet bleibt Michael Greis bei der WM über 20 km ohne Schießfehler und wird Zweiter

Helen Ruwald[Hochfilzen]

Nach den ersten beiden WM-Rennen hatte Ricco Groß, der zweifache Biathlon-Weltmeister von 2004, sich noch Mut gemacht. „Ich habe noch drei Möglichkeiten, eine Medaille zu gewinnen. Es kann noch eine schöne WM werden“, hatte er gesagt und nicht wirklich vergnügt hinzugefügt: „Keine Nation ist besser. Sven Fischer holt die Medaillen, Michi Greis und ich sind schönes Beiwerk.“ Die beste Nation sind die Deutschen in Hochfilzen (Tirol) nach wie vor, doch Beiwerk war am Mittwoch bei starkem Schneefall und Wind Fischer, der am Wochenende Silber und Bronze gewonnen hatte. Michael Greis wurde im Einzelrennen über 20 Kilometer Zweiter vor Groß und Fischer. 9,4 Sekunden fehlten Greis, der als Einziger von 115 Startern am Schießstand fehlerfrei blieb, zum WM-Titel. Den sicherte sich einer, mit dem niemand gerechnet hatte: Der Tscheche Roman Dostal ging als Nummer 45 des Gesamtweltcups ins Rennen. Er war bei der WM zuvor auf den Plätzen 28 und 15 gelandet und in den Einzelrennen über 20 km in dieser Saison zwischen Rang 50 und 70. Ole Einar Björndalen, mit zwei Titeln bislang der Star der WM, wurde mit fünf Strafminuten nach ebenso vielen Schießfehlern Sechster.

Dass Michael Greis die 20 Kilometer liegen, hatte der 28-Jährige schon beim ersten Weltcupsieg seiner Karriere Anfang Februar in San Sicario bewiesen. In Hochfilzen wäre schon im Verfolgungsrennen eine Medaille möglich gewesen, statt Rang fünf. 19 Mal in Folge traf Greis die Scheiben, beim 20. Schuss verfehlte er sie. „Ein bisschen Tragik war dabei“, sagte er, schließlich war es so knapp gewesen. Gestern hatte er beim letzten Schießen „weiche Beine, aber ich habe gelassen reagiert und getroffen“. Mit einem Fehlschuss wäre er Fünfter geworden. Dass seine Brille am Schießstand mehrmals herunterfiel, ließ ihn nicht hektisch werden, kostete aber wertvolle Sekunden und möglicherweise Gold. Das vergab sein Ruhpoldinger Trainingskollege Ricco Groß durch zwei Schießfehler. Hätte er nicht die letzte Scheibe verfehlt, wäre er Weltmeister geworden. Vor ihm hatte schon Sven Fischer (drei Schießfehler) beim letzten Schuss Nerven gezeigt, statt Zweiter wurde er Vierter.

Groß war allerdings mit Bronze hochzufrieden, schließlich war ein dritter Platz sein bisher bestes Saisonergebnis gewesen. In den ersten beiden WM-Rennen wurde er Siebter und Sechster. Gestern bewies er, dass er immer für eine Medaille gut ist – und das bei extrem schwierigen Bedingungen und tiefem Boden nach 70 Zentimeter Neuschnee, die in der Nacht zuvor gefallen waren. „Die Techniker haben heute den größten Job gemacht“, sagte Groß, der ehrlich zugibt, „dass ich unter Zugzwang stand“.

Im Gegensatz zu Michael Greis. Dieser hatte bis zur WM 2004 im Schatten der Routiniers Groß, Fischer und Frank Luck gestanden. Sein 5. Platz im Sprint von Oberhof fand wegen der Medaillen von Ricco Groß keine sonderliche Beachtung. In den Blickpunkt rückte er im Staffelrennen von Oberhof: Als Schlussläufer gewann er mit dem deutschen Team die Goldmedaille. Seither zählt er zu den etablierten Kräften im deutschen Team. „Dieses Staffelrennen war für mich ein Quantensprung“, sagt Greis, überhaupt sei das Anspruchsdenken im deutschen Team „höher geworden, wir wollen immer einen auf dem Treppchen haben, das war früher nicht so“.

Bisher werden die Deutschen den Ansprüchen gerecht: Bei drei Männerrennen gab es zweimal Silber und zweimal Bronze für Deutschland, bei drei Frauenrennen dreimal Gold.

0 Kommentare

Neuester Kommentar