Sport : Silence please

Der in England verspottete Portugiese Helder Postiga ist eine Schlüsselfigur beim Sieg im Elfmeterschießen – wie schon bei der EM 2004

Sven Goldmann[Gelsenkirchen]

Geschichte wiederholt sich? Schön wär’s, könnte sich Helder Postiga gedacht haben, am Samstagabend um kurz nach halb sieben in der Schalker Arena.

Alles ist wie am 24. Juni 2004. Damals hat Portugal gegen England um den Einzug ins Halbfinale der EM gespielt. Kurz vor Schluss liegen die Portugiesen 0:1 zurück, als Postiga auf den Platz darf, ausgerechnet für den Volkshelden Luis Figo. Dessen Auswechslung hätte sich zu einer Staatsaffäre auswachsen können, wäre Postiga nicht mit einem Kopfballtor das 1:1 geglückt. Portugal siegt nach Elfmeterschießen, und Postiga ist ein Held.

Jetzt das Dakapo, zwei Jahre später in Gelsenkirchen: Wieder tut sich Portugal schwer gegen die Engländer, es sind nur noch zehn nach Wayne Rooneys Platzverweis, und wieder kommt Postiga, wieder kurz vor Schluss, wieder für Figo, und wieder glückt ihm ein Kopfballtor. Er jubelt wie damals in Lissabon, doch der Schiedsrichter entscheidet nach kurzer Beratung mit seinem Linienrichter: Abseits, kein Tor. Portugal muss in die Verlängerung. Warum wiederholt sich die Geschichte nicht?

„Ich habe nicht an 2004 gedacht“, erzählt Postiga später, „das war heute eine völlig neue Situation. Damals waren wir Außenseiter, heute sind wir Portugal.“ Daraus spricht ein Selbstbewusstsein, das Postiga auf dem Fußballplatz selten hat umsetzen können. Er wurde als großes Talent gehandelt und hatte mit dem FC Porto gerade den Uefa-Cup gewonnen, als ihn Tottenham Hotspur im Sommer 2003 nach London holte. Postiga war gerade 21, und es gelang ihm nichts, fast nicht, nur ein Tor in 19 Spielen. Die englischen Fans lachen, als der schlaksige Stürmer mit dem schwarzen Haarschopf an jenem 24. Juni 2004 auf den Platz des Estadio da Luz von Lissabon läuft: Figo raus, Postiga rein, lasst uns auf das Halbfinale anstoßen, Boys!

Doch Postiga schafft nicht nur den Ausgleich, er ist auch im Elfmeterschießen eine der entscheidenden Figuren. Englands Kapitän David Beckham verschießt gleich als erster Schütze, später auch der Portugiese Rui Costa. Ashley Cole bringt England mit dem sechsten Schuss 5:4 in Führung, und wenn Portugal jetzt nicht trifft, ist alles vorbei. Postiga läuft an, dann schnippt er den Ball mit viel Spin in die Mitte des Tores, dessen rechte Ecke Torhüter David James gerade angeflogen hat. Vor so viel Chuzpe kapitulieren die Engländer. Daris Vassel verschießt, Torhüter Ricardo verwandelt den entscheidenden Elfmeter für Portugal.

Das war 2004 in Lissabon, zwei Jahre später steht Postiga wieder am Elfmeterpunkt, diesmal in Gelsenkirchen. Es lief nicht alles gut für ihn. Tottenham, Porto und St. Etienne haben ihn hin- und hergeschoben, zwischenzeitlich hat er in Portos zweiter Mannschaft gespielt, aber in der WM-Qualifikation gelangen ihm drei Tore. Trainer Scolari vertraut ihm. Es steht 1:1, Postiga läuft an, und Torwart Paul Robinson erinnert sich vielleicht an den in die Mitte geschnippten Elfmeter von 2004, er bleibt stehen, doch diesmal schießt Postiga in die linke Ecke. 2:1, zwei Minuten später steht Portugal im Halbfinale gegen Frankreich. Wiederholt sich die Geschichte also doch? Postiga lacht. „Weißt du, Elfmeterschießen ist ganz einfach. Es ist eine Frage des Selbstbewusstseins.“ Wo nimmt er es bloß her?

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