Sport : Singen gegen die Angst

Der rasante Absturz des 1. FC Union: Noch vor kurzem im Europacup, bald womöglich in der Oberliga gegen Reinickendorf

Karsten Doneck

Berlin – Ein letztes Mal wollen sie sich im alten Jahr noch lautstark bemerkbar machen, die Fans des 1. FC Union. Davon kündet ein Plakat, das im Fenster des Fanlokals „Abseitsfalle“ in der Köpenicker Hämmerlingstraße klebt. Am Tag vor Heiligabend, so steht es dort geschrieben, soll ein großes Weihnachtssingen stattfinden. An der Mittellinie des Stadions Alte Försterei. Wer genau hinschaut, entdeckt unten auf dem Plakat noch einen kleingedruckten Zusatz. Der lautet: „Seid Eisern“. Die sportliche und finanzielle Lage des Klubs macht derlei Aufmunterung der Fans wohl unabdingbar. Union ist Letzter der Regionalliga, neun Punkte liegt der rettende 14. Tabellenplatz entfernt, einen Trainer suchen sie nach der kürzlich vollzogenen Demission von Werner Voigt auch, und der Schuldenstand liegt bei 13,2 Millionen Euro. Da wollen die Fans eben Weihnachtslieder singend ihre Fußball-Trübsal vertreiben. Warum nicht?

Zwischen „Alle Jahre wieder“ und „Oh, du fröhliche“ wird allerdings auch manche wehmütige Erinnerung an den 20. September vor drei Jahren hochkommen. Ein kleiner, gemütlicher Ort in Finnland namens Valkeakoski schien für den 1. FC Union an jenem Tag das Foyer zum großen Ballsaal zu sein. Ein paar Wochen zuvor war dem chronisch klammen Klub der Aufstieg in die Zweite Liga geglückt, das DFB-Pokalfinale gegen Schalke 04 gab die Mannschaft erst nach großem Kampf 0:2 verloren, war aber trotzdem für den Uefa-Cup qualifiziert. Ein Fußballverein im kollektiven Glückstaumel. Und dann der erste Uefa-Pokal-Auftritt, in Valkeakoski, im Stadion Tehtaau kenttä, gelegen neben einer riesigen Papierfabrik mit hohen Schornsteinen. 1:1 endete die Partie, 3:0 gewann Union im Rückspiel. „Elchtest bestanden“, scherzte die „Junge Welt“. In Runde zwei schied Union gegen FC Liteks Lovech aus Bulgarien aus.

Was blieb waren rund zwei Millionen Mark an Einnahmen aus dem Uefa-Cup. Und jede Menge Euphorie. Immer offensiver vertrat Präsident Heiner Bertram fortan die Ansicht, Berlin könne neben Hertha BSC auch gut einen zweiten Erstligisten verkraften, und ließ nie Zweifel aufkommen, dass diese zweite Kraft nur der 1. FC Union sein könne. Es gab zu jener Zeit auch schon den Aufruf zur Mäßigung. Steffen Menze, der Kapitän, zum Beispiel mahnte: „Wir dürfen nie vergessen, wo wir herkommen.“

„Es wurde versäumt, in guten Zeiten Rücklagen zu bilden“, hat Jürgen Schlebrowski, Übergangspräsident bei Union in der Nach-Bertram-Ära, mal gesagt. Union wirtschaftete drauflos, als sei eine Zukunft in der Bundesliga längst beschlossene Sache. Chibuike Okeke, meist auf der Ersatzbank zu finden, gehörte mit geschätzt 15 000 Euro monatlich zu den Topverdienern. Im Januar 2003 wurde Stürmer Petar Divic an Eintracht Trier verkauft. Für 150 000 Euro Ablöse. Ein Jahr hatte er in Köpenick gespielt. Für seine Verpflichtung aus Belgrad hatte Union 470 000 Euro überwiesen. Nicht nur finanziell, auch im zwischenmenschlichen Bereich machte mancher neuverpflichtete Spieler Union heftig Kummer. Heiner Backhaus beschimpfte Heiner Bertram mal als „Osterhase“ und verstieg sich im Zusammenhang mit Kürzungen der Spielergehälter zu der Ansicht, der Präsident „ist bei uns in der Mannschaft so beliebt wie Fußpilz“. Backhaus flog raus bei Union.

Alles lief verquer. Auch auf der Führungsebene. Heiner Bertram, der Präsident, meinte, ohne Manager auskommen zu können. „Viel zu teuer“ sei so ein Mann. Irgendwann wurde dann doch Klaus Berge als Manager installiert, aber er kapitulierte schnell wieder, angeblich vor der Machtfülle Bertrams. Schließlich setzte Unions Aufsichtsrat Bertram eines Abends bei einer Sitzung im Lichtenberger Hotel Nova kurzerhand als Präsident ab. Jürgen Schlebrowski trat die Nachfolge an. Er regierte im besten Helmut-Kohl-Stil: Probleme wurden einfach ausgesessen. Dirk Zingler, Schlebrowskis Nachfolger, verwaltet wenig mehr als den Mangel: Der Mannschaft, vor der Saison runderneuert, fehlt die Regionalliga-Reife, im Etat klafft akuell eine Zahlungslücke im mittleren sechsstelliger Bereich.

Valkeakoski liegt unendlich fern. Gut drei Jahre und sieben Trainer später (Wassilew, Tischanski, Votava, Ristic, Wormuth, Voigt, Hamann) steht Union vor dem Absturz in die Oberliga. Statt zum FC Bayern ins schmucke Münchner WM-Stadion geht es demnächst wieder zum Freiheitsweg zu den Reinickendorfer Füchsen. Zumindest Unions Marketingabteilung sieht in diesen tristen, aber auch besinnlichen Tagen einen kleinen Lichtblick. Von den im Fanshop vertriebenen Weihnachtskugeln – glutrot mit Vereinslogo, vier Stück für 9,95 Euro – gingen in jüngster Zeit 350 Kartons über den Tisch. Vielleicht helfen die Kugeln ja, dass der Union–Fan unter dem Weihnachtsbaum von besseren Zeiten träumt.

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