Sitzvolleyball : Ein irres Gefühl

Diesen Sieg hatten sich die Deutschen mehr als verdient: Im Spiel um Platz drei gewannen die Sitzvolleyballer gegen Russland und sicherten sich die Bronzemedaille.

Maxie Borchert
Die deutschen Sitzvolleyballer jubeln nach dem gewonnenen Spiel um Platz drei gegen Russland.
Die deutschen Sitzvolleyballer jubeln nach dem gewonnenen Spiel um Platz drei gegen Russland.Foto: dapd

In dem Moment als klar war, dass die deutschen Sitzvolleyballer Bronze gewonnen hatten, brach die gesamte Mannschaft in tosendem Jubel aus. Trainer Rudi Sonnenbichler warf sich mit dem Rücken auf den Boden und die Spieler sprangen auf und fielen übereinander her. „Ich habe total den Filmriss“, erzählte Stammspieler Christoph Herzog später. „Ich weiß nur noch, dass wir uns alle aufeinander geschmissen haben. Das war ein so irres Gefühl.“

Diesen Sieg hatten sich die Deutschen mehr als verdient. Nach einer sensationellen Vorrunde, aus der sie als Sieger hervorgingen, erkämpfte sich die Mannschaft im Viertelfinale einen weiteren Sieg gegen China. Nach dem verlorenen Halbfinale gegen den Turnierseiger Bosnien Herzegowina, nahm das deutsche Team direkt Kurs auf die Bronzemedaille und konnte sich, wie schon in der Vorrunde, gegen die routinierte Mannschaft aus Russland behaupten.

Über das gesamte Turnier hinweg überzeugte die Mannschaft mit einer derart kämpferischen und qualitativ hohen Leistung, wie man sie in Deutschland noch nicht gesehen hat. Ob sich das noch einmal wiederholen wird ist fraglich, denn im Bereich Sitzvolleyball haben andere Länder Deutschland einiges voraus. „Den Russen gegenüber sind wir beispielsweise eine Amateurmannschaft. Das Team hat schon drei Paralympics und unzählige Länderspiele zusammen bestritten. Außerdem haben sie zu Hause die Möglichkeit, fast täglich miteinander zu trainieren. Von solchen Bedingungen können wir nur träumen“, erklärt Trainer Rudi Sonnenbichler.

Auch Nationen wie dem Iran, Bosnien Herzegowina und Ägypten erhalten eine große Unterstützung von Seiten des Staates. Zudem erfahren diese Spieler in ihrem Land eine hohe öffentliche Anerkennung, auch zwischen den Paralympics. So hat zum Beispiel die Niederlage der Ägypter im Finale der vergangenen Weltmeisterschaften extreme Wellen im eigenen Land geschlagen. Eine solche Aufmerksamkeit konnten deutsche Sitzvolleyballer auf nationaler Ebene bislang nicht erfahren, sodass die Spieler auch in dieser Hinsicht mit neuen Umständen fertig werden mussten. Von dieser seltenen Drucksituation haben sich die Deutschen jedoch nicht unterkriegen lassen. Im Gegenteil.

„Es macht unglaublich viel Spaß bei so einer Stimmung zu spielen. Das pusht einen ungemein“, sagte Christoph Herzog nach dem Spiel gegen Großbritannien begeistert. Bei diesem Match war der Heimvorteil der Briten deutlich zu spüren als die knapp 8000 Zuschauer ihre Mannschaft im Chor anfeuerten. Über die viele Berichterstattung freut sich das Team ebenfalls besonders, da somit Werbung für ihren Sport gemacht wird. Werbung ist auch dringend nötig, denn in Deutschland gibt es teilweise weniger aktive Spieler, als es in anderen Ländern Männerteams gibt. In Teheran sind es vergleichsweise 49 Mannschaften. Dabei können in Deutschland, anders als bei den Paralympics, auch nicht behinderte Menschen Sitzvolleyball spielen. Doch dafür muss überhaupt erst einmal ein Ligabetrieb entstehen.  

Um dieses und weitere Probleme anzugehen, wird der Verband in den nächsten Wochen Konzepte zur Verbesserung besprechen. Denn auch der langjährige Erfolgstrainer Rudi Sonnenbichler weiß, dass der deutsche Sitzvolleyball auf internationaler Leistungsebene keine Zukunft haben wird, wenn sich nichts tut.

Das wäre sehr schade, denn Sitzvolleyball ist außerdem eine Sportart, bei der Menschen mit und ohne Behinderung zusammenfinden können. Und wie wunderbar diese Zusammenkunft sein kann, das hat London in den vergangenen Wochen mehr als deutlich gemacht.

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