Sport : Sixten Veit: Schein und Zeit

Michael Rosentritt

Das Leben eines Fußballers ist hart. Trainingsstress, Kampf um Stammplätze, Vertragsverhandlungen, Machtkämpfe im Team und die vielen Dienstreisen halten die Profis in Atem. "Quatsch", sagt Sixten Veit, "Segen und Fluch unseres Berufs sollte jeder mal in Relation sehen. Wer das nicht will oder kann, hat ein Problem, oder wird eins nach dem Fußball bekommen."

Es sind Tage wie diese, die Veit vor Augen führen, dass er auf der Sonnenseite wandelt. Im Trainingslager nahe Marbella gibt es Zeit für Sonnenbäder und Meeresspaziergänge. Eine Woche sind sie nun hier, die Profis von Hertha BSC. Acht eineinhalbstündige Übungseinheiten in sieben Tagen plus zwei Trainingsspiele gegen Brügge und Arnheim waren nicht gar so beschwerlich. Gerade wer ein sorgenfreies Auskommen hat, glaubt oft, am Stock zu gehen, meint Veit. Und über jene Bedenkenträger aus den Siebzigern, die immer auf die Endlichkeit der damals noch nicht ganz so fetten Jahre verwiesen, können heutige Profis nur lächeln. Heute reichen ein, maximal zwei ordentliche Verträge bei Vereinen der Bundesliga, und der Kicker ist ein gemachter Mann. Es soll selbst für Frau und Kinder noch reichen. Um die 50 Millionen Mark gibt Hertha im Jahr fürs Personal aus. Kein schlechter Schnitt bei der geringen Zahl der Angestellten.

Sixten Veit ist Sachse und bei Hertha eine verdiente Kraft. 1995 war er von Trainer Karsten Heine aus Chemnitz geholt worden. Ein halbes Jahr später löste Jürgen Röber Heine ab und führte den Zweitligisten bis in die Champions League. Länger als Veit sind nur Ersatztorwart Fiedler, Schmidt und Hartmann im Verein. Er kann sich ein offenes Wort erlauben. "Ich glaube alle, die so lange dabei sind, mussten mit den Aufgaben wachsen, auch der Trainer", sagt der 31-Jährige. In der Zwischenzeit engagierte der Verein teures Personal, der alltägliche Druck, im Team zu bleiben, wurde größer. Hertha BSC ist eine Zweckgemeinschaft geworden. "Je höher man kommt, desto weniger gibt es miteinander", sagt Veit. "Das ist schon komisch für eine Mannschaftssportart."

Veit weiß, dass Profikicker keine Sozialarbeiter sind. "Wer damit nicht klar kommt, der muss aufhören oder eine Liga tiefer spielen." Sixten Veit kennt die Gesetzmäßigkeiten der Branche, weil auch er seinen Stammplatz im Mittelfeld verloren hat. "Ich glaube dennoch, dass ich im Kreis der vielen Nationalspieler bei uns eine ganz gute Rolle spiele. Was kommt, werde ich sehen." Vor einem Jahr wurde sein Vertrag um ein weiteres verlängert. Sollte er in der laufenden Saison auf 20 Einsätze in der Bundesliga oder Uefa-Cup kommen, verlängert sich seine Anstellung bei Hertha um dieselbe Dauer. 13 Spiele stehen bisher als Arbeitsnachweis zu Buche. "Sixten ist ein sehr verlässlicher Spieler, den ich jederzeit bringen kann", sagt Herthas Trainer Jürgen Röber, "er ist ein grundsolider Arbeiter."

Der Profi hat seine Zukunft fest geplant. Es ist eine Zukunft in Berlin. "Aber das heißt nicht, dass ich nicht noch mal den Verein wechsle. So etwas kann einem ganz gut tun." Veit gehört zu den Vertretern seines Berufsstandes, die es für angemessen halten, den Kopf nach dem Abpfiff nicht abzuschalten. "Wir sollten glücklich sein, mit dem, was mir machen", sagt er. Er kennt auch anderes. Nach dem Ende der DDR arbeitete er im Zivildienst mit geistig und körperlich behinderten Kindern zusammen. Das hat ihn davor bewahrt, es sich gemütlich zu machen in der Scheinwelt eines Profifußballers. Irgendwann, sagt Veit, wenn er nicht mehr spielen kann, wird ihn "die Welt der Arbeit" aufnehmen. "Ich bin sehr gern Fußballer, und stolz, dazu beigetragen zu haben, dass in Berlin wieder ordentlich Fußball gespielt wird. Aber ich freue mich schon auf das, was dann kommt." Was es genau sein wird, weiß er noch nicht. "Aber wenn dir einer ins Knie springt, kann alles ganz schnell gehen."

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