Sport : Skandal beendet

Nach dem Rücktritt von Reformer Rossi gibt es im italienischen Fußball kein Interesse an Aufklärung

Paul Kreiner[Rom]

Es war einmal ein Fußballskandal in Italien, den gibt es nicht mehr. Denn am Dienstagabend ist Guido Rossi, der den italienischen Fußball reinigen und reformieren sollte, mitsamt seiner Mannschaft zurückgetreten, mitten im laufenden Spiel. Seine Partie gibt er verloren - und der aufgeschreckte „Calcio“ kann endlich zum Normalbetrieb zurückkehren, so als wäre nichts gewesen.

Im Mai hatten die Regierung und das Nationale Olympische Komitee Italiens (CONI) bei Rossi angerufen: Der frühere Telecom-Manager solle den italienischen Fußballbund FIGC kommissarisch leiten. Es waren die Wochen, in denen Zeitungen ihre Seiten mit Telefon-Abhörprotokollen füllten: Luciano Moggi, der Sportdirektor von Juventus Turin, so ging daraus hervor, hatte ein umfangreiches System zur Beeinflussung des italienischen Spitzenfußballs aufgezogen. Da wurden Schiedsrichter nach Gefallen bestellt, bezahlt oder verbannt, Partien vor dem Spiel am Grünen Tisch entschieden, Gefälligkeiten erwies man denen, die sich beugten, Widerstrebende ließ man am ausgestreckten Arm verhungern.

Da kam Rossi. Er räumte auf. Dem 75-Jährigen schwebte ein „sportlicher“, ein sauberer Fußball vor. Dafür wollte er die Regeln umstürzen, Kontrollen ein- und Vetternwirtschaft abbauen. Den belasteten Nationaltrainer Marcello Lippi stützte er, er hob die Moral der Truppe - Italien wurde Weltmeister. Da hatte Rossi seine Schuldigkeit getan; von nun an ging es bergab. Der Ligaverband setzte ihm mit Antonio Matarrese einen ausgesprochenen Erneuerungsgegner vor die Nase. Dieser warf Rossi vor, er sehe in den Fußballvereinen nur Delinquenten; dabei seien es Wirtschaftsunternehmen, die ihre „legitimen Interessen“ durchsetzen wollten.

Italiens Sportgerichtsbarkeit folgte nur in erster Instanz Kommissar Rossi. Da wurden Juventus, Lazio Rom und Florenz mit dem Abstieg in die Serie B bestraft, für Schiedsrichter und Manager hagelte es Sperren und Geldstrafen. In zweiter Instanz aber wurden diese Urteile praktisch zurückgenommen. Einzig den Zwangsabstieg von Juventus Turin, den konnten selbst die gefälligsten Richter nicht vermeiden. Dennoch wuchs der Druck auf Rossi: Milde sollte er walten lassen, forderte selbst der Justizminister. Doch Rossi blieb hart.

Und während es um ihn herum einsam wurde, bekam Luciano Moggi im Staatsfernsehen die Gelegenheit zum Großauftritt. Der Arme, wie ungerecht hatte Rossis Meute einen Unschuldigen gehetzt. Dann blies auch noch Silvio Berlusconi, der unvermeidliche Fußball- und Fernsehpräsident, den Skandal offiziell ab: Alles habe sich „als Seifenblase“ entpuppt.

Den vorletzten Akt setzte Rossi am vergangenen Freitag selbst: Er nahm das Angebot der Telecom Italia, sofort ihr Chef zu werden, an. Regierung und CONI erfuhren dies aus den Nachrichten. Und obwohl Rossi wortreich versicherte, er werde das neue Fußball-Regelwerk noch fertigstellen, teilte das CONI kalt mit, man halte „Rossis Arbeit für beendet“.

Dazu teilte dieser mit: Er sehe „keine Möglichkeit mehr, die begonnenen Sanierungsarbeiten fortzusetzen“. Und weil auch seine drei Mitarbeiter abtraten, weiß nun niemand, wie es mit dem italienischen Fußball weitergehen soll. Sicher ist nur: An einer Aufarbeitung des Skandals hat keiner mehr ein Interesse.

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