Skandal um Margaret Court : Ein Idol wird zur Belastung

Margaret Court, die erfolgreichste australische Tennisspielerin aller Zeiten, attackiert vor den Australian Open die Homosexuellen-Ehe.

Petra Philippsen
Mit der Idylle könnte es vorbei sein. Nach den Provokationen von Court kündigten Tennisfans in Melbourne Proteste an. Foto: dpa/p-a
Mit der Idylle könnte es vorbei sein. Nach den Provokationen von Court kündigten Tennisfans in Melbourne Proteste an. Foto:...Foto: picture alliance / dpa

Überall im Melbourne Park verteilten sich gestern unzählige Luftballons in leuchtenden Regenbogenfarben, viele von ihnen aber hatten die stürmischen Windböen schon losgerissen, und so schwebten sie wie stille Beobachter über die Anlage. Fast hätte man es für den Teil einer friedlichen Kundgebung halten können, doch die Ballons sollten lediglich den traditionellen Kindertag im Vorfeld der Australian Open verschönern. Am Montag jedoch, wenn der erste Tennis-Grand-Slam der Saison beginnt, werden die Regenbogenfarben zurückkehren, dann allerdings in Form eines politischen Protests.

Und das wird ein Novum sein in der Geschichte der australischen Meisterschaften, die in diesem Jahr zum 100. Mal ausgetragen werden. Denn auf dem fünften Kontinent war man stets so stolz darauf, dass bei ihrem Turnier eine besondere Atmosphäre herrschte. Eine zutiefst entspannte, fröhliche und friedliche nämlich, die zur australischen Lebensart passt. Fans aus der ganzen Welt reisen Jahr für Jahr an, um in Melbourne Tennis und auch sich selbst ausgiebig zu feiern. Von der lockeren Stimmung lassen sich die Spieler einnehmen, Roger Federer taufte das Turnier daher auch den „Happy Slam“. Doch diese Idylle wird nun überschattet, und das von Margaret Court, der größten Tennisspielerin, die Australien je hervorbrachte. Sie gilt als Ikone, war Vorbild für Generationen von australischen Sportlerinnen und genießt in ihrer Heimat ein ähnlich hohes Ansehen wie in Deutschland Steffi Graf. Zumindest bis jetzt.

Keine Frau hat je mehr Grand-Slam-Titel gewonnen, als die inzwischen 69-Jährige. 24 der vier großen Trophäen gewann sie zwischen 1960 und 1972 allein im Einzel, 62 insgesamt. Umso schwerer wiegt nun der Eklat, den Court mit ihren abwertenden Äußerungen über Homosexuelle ausgelöst hat. In Australien wird momentan darüber diskutiert, das Ehegesetz auf gleichgeschlechtliche Paare auszuweiten, Court bezieht dagegen eindeutig Stellung: „Man darf nichts legitimieren, was Gott widerwärtige sexuelle Praktiken nennt.“ Die Ehe sei ausschließlich für Mann und Frau bestimmt, so stehe es in der Bibel, betonte Court. Mittlerweile arbeitet sie als Pastorin in einer evangelikalen Kirche in Perth und wehrt sich vehement dagegen, die „alternativen, ungesunden und unnatürlichen Verbindungen“ zum Ehegesetz zuzulassen.

Nicht zum ersten Mal fiel Court durch ihr verkrustetes Gedankengut negativ auf. Schon vor 20 Jahren kritisierte sie öffentlich, dass Lesben Tennis ruinieren würden und ein schlechtes Vorbild für junge Menschen seien. Spielerinnen wie Billie Jean King oder Martina Navratilova, die sich offen als homosexuell bekannten, reagierten damals wie heute tief enttäuscht. „Es scheint so, als hätten sich viele Menschen weiterentwickelt, wie die Bibel auch“, sagte Navratilova, „leider ist das bei Margaret Court nicht geschehen.“

Court ist von der massiven Entrüstung über ihre Aussagen überrascht und fühlt sich missverstanden. Sie habe nichts gegen Homosexuelle, schon gar nicht hasse sie diese Menschen, doch im nächsten Atemzug betonte sie stolz, wie viele von ihnen sie in ihrer Kirche schon habe „bekehren“ können. „Viele sind inzwischen verheiratet“, sagte Court, die Sexualität für eine Entscheidung und keine Bestimmung hält.

Mit jedem Satz, den Court nachlegte, machte sie es schlimmer. In den sozialen Netzwerken haben sich längst Aktivisten und Sympathisanten der nationalen Kampagne „Equal Love“ zusammengetan, und verabredeten sich für den Turnierstart zu Protestaktionen. Der drittgrößte Platz im Melbourne Park ist nach Court benannt, genau dort wollen sie mit Flaggen in Regenbogenfarben und Transparenten ihre Solidarität mit Schwulen und Lesben bekunden. Inzwischen gehen bei Turnierdirektor Craig Tiley täglich Forderungen ein, den Platz umzubenennen. Das Verlangen nach klaren Bekenntnissen ist groß.

Die Organisatoren stecken jedoch in einem Dilemma, schließlich können sie Court als traditionellen Ehrengast der Open kaum wieder ausladen. Und sie besteht auch darauf, zu erscheinen: „Ich war immer ein Champion, und ich bin noch nie vor etwas weggerannt.“ Tiley erklärte, der Platz trage nur aufgrund ihrer sportlichen Verdienste ihren Namen, und sie habe ein Recht auf ihre Meinung, die man aber von Seiten des Turniers und des Verbandes nicht teile. Court erwartet von den Veranstaltern jedoch, dass sie bewerkstelligen, dass die Australian Open nicht für Kundgebungen der Aktivisten missbraucht werden. Diese Zusage gibt Tiley ihr nicht, sondern kündigte an, die Demonstranten seien willkommen, solange sie weder Spiel noch Zuschauer stören. Zudem gelten die gewöhnlichen Sicherheitskontrollen an den Eingängen.

Drei Jahre ist es her, dass die Organisatoren zum ersten und einzigen Mal mit einem Störfeuer zu kämpfen hatten. Damals kam es zwischen einer serbischen und einer bosnischen Fangruppe zu einer Massenschlägerei. Das Turnier reagierte angemessen auf die Vorfälle, so blieb kein Imageschaden zurück.

Dieses Mal dürfte es anders sein. Courts Ansichten werfen unweigerlich auch ein schlechtes Licht auf die Australian Open. Die fröhliche Party hat ihre Unbeschwertheit verloren.

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