Skateboarder Tony Hawk : "Man fliegt meterhoch aus der Halfpipe"

Jede Sportart hat ihre Helden, nur manche werden zu Legenden - wie Tony Hawk. Der Ausnahmeathlet aus den USA hat als erster Skateboardfahrer einen 900° gestanden, eine zweieinhalbfache Drehung um die Körperlängsachse. Donnerstagabend zeigt er sein Können in der Berliner Max-Schmeling-Halle.

Skateboarder Tony Hawk
Skateboarder Tony HawkFoto: Quiksilver

Tony Hawk, Skateboarden fasziniert immer mehr Menschen rund um den Globus. Was macht den Zauber des Skateboardens aus?

Skateboarden ist eine Liaison aus Kunst und Sport, die sich fortlaufend weiterentwickelt. Zugleich ist es ein einzigartiges Lebensgefühl, ein Lebensstil, der dir immer erlaubt, etwas Neues zu entdecken.

Mittlerweile ist Skateboarden ein knallharter Sport. Doch inwiefern unterscheidet es sich von Sportarten wie Basketball oder Fußball?

Wenn ich auf dem Skateboard fahre, bin ich frei. Es gibt keinen Trainer, kein Team und keine Regeln, denen ich mich unterordnen muss. Niemand, der mir sagt, wann ich was zu tun habe. Es geht nur um mich und mein Skateboard.

Die öffentliche Wahrnehmung des Skateboardens hat sich massiv geändert als Ende der Neunzigerjahre die ersten Tony-Hawk-Videospiele erschienen - heute sind es wohl die erfolgreichsten weltweit. Wie reagierte damals die individualistische, rebellisch angehauchte Skateszene auf diesen kommerziellen Erfolg?

Viele meiner Kollegen aus der professionellen Skateboardszene haben erkannt, welche Chancen sich dadurch für sie auftun. Plötzlich haben sie mit etwas, wofür sie in der Vergangenheit bestraft wurden, gutes Geld verdient. Heutzutage ist Skateboarden bei jungen Menschen genauso beliebt wie die bekannten Breitensportarten. Was kann daran schlecht sein?!

Vielen Menschen erscheint Skateboarden als ein gefährlicher Sport, manche nennen es sogar eine Extremsportart. Trifft das in Ihren Augen zu?

Es ist wie bei vielen Dingen: sie sind nur dann gefährlich, wenn du es übertreibst und dich abseits deiner Fähigkeiten bewegst. Die meisten Skateboarder fliegen nicht über 18 Meter breite Schanzentische oder nehmen Geländer von zehn Metern Länge und mehr. Nur professionelle Skateboarder tun das. Sie gehen ein höheres Risiko ein, weil sie die Übung haben und das Talent auch riskante Situationen zu meistern und unverletzt zu überstehen. Gerade für junge Leute ist Skateboarden eine erfrischende Möglichkeit, sich körperlich auszutoben, ohne traditionelle Wege beschreiten zu müssen.

Was war Ihre bislang schwerste Verletzung?

Ein gebrochenes Becken. Autsch!

Sie sind jetzt knapp über vierzig. Wie lange können Sie noch auf diesem hohen Niveau Skateboard fahren?

Das weiß ich noch nicht so genau, aber ich würde es nicht mehr in der Öffentlichkeit tun, wenn ich den Eindruck hätte, dass ich mich nicht mehr weiterentwickle und meine Leistung abbaut. Es scheint so, als sei ich da ein Vorreiter was professionelles Skateboarden im fortgeschrittenen Alter angeht... (lacht)

Stalefish, Airwalk, Madonna, Hurricane oder der 900°, das sind nur einige der rund 100 Skatetricks, die Sie erfunden haben. Wie entstehen solche Tricks? Planen Sie das? Träumen Sie davon? Üben Sie wie ein Besessener? Oder probieren Sie es einfach aus?

Ein bisschen von allem. Viele Tricks sind aus Fehlern entstanden beim Versuch, gängige Tricks zu erlernen. Manche sind mir wirklich im Traum erschienen und andere sind einfach nur Kombinationen aus verschiedenen Tricks, die es schon gab. Leider konnte ich in der Vergangenheit nicht immer alle Ideen realisieren...

… dafür haben Sie ja noch ein paar Jahre Zeit! Der 27. Juli 1999 gilt als magisches Datum in der Skatewelt. An dem Tag haben Sie erstmals einen 900° gestanden, eine zweieinhalbfache Drehung um die Körperlängsachse. Ein Trick, der so schwer ist, dass ihn seither nur drei weitere Skateboarder geschafft haben. Was macht den 900° so außergewöhnlich?

Die Überwindung, diesen Trick überhaupt zu versuchen, fordert einem Skateboarder alles ab. Man fliegt meterhoch aus der Halfpipe, greift sein Board und dreht sich zweieinhalbmal um die eigene Achse, bevor man wieder landet. Wobei die ersten eineinhalb Drehungen kopfüber gedreht werden müssen, damit man genug Drehmoment erzeugt für die letzte Drehung. Dieser Trick stellt maximale Anforderungen an deine Koordination. Du musst ganz deinen Instinkten vertrauen, und selbst die sind nach zweieinhalb Umdrehungen auch nicht immer ganz auf der Höhe. Es bleibt also ein gewisses Restrisiko, was viele abschreckt, überhaupt so weit gehen zu wollen.

Wie tasten Sie sich an solche schweren Tricks heran?
Zuerst einmal versuche ich mir einen Plan B zurecht zu legen, also wie ich mich verhalte, wenn ich merke, dass ich die Kontrolle verliere. Ich lerne Fehlversuche sicher und unverletzt zu überstehen. Dann arbeite ich mich Stück für Stück näher an den Trick heran. Beim 900° hat das viele Jahre gedauert.

Bei der Tony Hawk Show in Paris im vergangenen Jahr haben Sie einen sensationellen 900° wie auf Knopfdruck geschafft. Werden Sie den wohl schwersten Halfpipe-Trick der Welt auch heute Abend dem Berliner Publikum in der Max-Schmeling-Halle zeigen?

Das kann ich nicht planen, denn der 900° ist kein Trick, den man jeden Tag macht. Aber wenn ich mich gut fühle, werde ich es versuchen - versprochen! Die bekannten Skateboard-Disziplinen sind Street und Vert, das fahren über Hindernisse in einem Parcours und das fahren in einer Halfpipe.

Warum ist das Streetfahren deutlich populärer?

Der Zugang ist sehr viel leichter. Du brauchst nur vor deine Haustür gehen, und wenn da eine asphaltierte Straße ist, kannst du Streetskaten, so einfach ist das. Nicht jeder hat eine Halfpipe in seiner Stadt, genau genommen, sogar sehr wenige.

Ihr ältester Sohn Riley ist ein angesehener, hochtalentierter Street-Skateboarder. Gibt es in der Familie Hawk Sonntagnachmittag-Skateboard-Sessions mit Vater und Sohn?

Oh ja, die gibt es, aber seine Fähigkeiten beim Streetskaten übertreffen meine bei weitem. Der Schüler ist mit seinen 17 Jahren längst zum Lehrer geworden.

Was können Sie ihm noch beibringen? Und was zeigt er Ihnen?

Bei mir lernt er, wie man die ganz großen Rampen skatet, und ich versuche, mir seine technisch anspruchsvollen Flip-Tricks abzuschauen.

In welche Richtung steuert der Skateboardsport? Geht es um immer schwierigere Tricks? Wird Skateboarden olympisch? Oder sogar zur festen Unterrichtsstunde in der Schule?

Ich denke, die weltweite Aufmerksamkeit für Skateboarding wird weiter zunehmen. Natürlich wird sich das Level ständig weiterentwickeln, die Tricks werden immer härter und technisch anspruchsvoller. Das ist ja heute schon total verrückt. Vielleicht wird sich das olympische Komitee irgendwann ernsthaft für den Skateboardsport interessieren, jedoch nicht weil Skateboarding Olympia braucht - es ist wohl eher umgekehrt.

Gibt es schon einen würdigen Nachfolger von Tony Hawk?

Das kann jeder Skateboarder sein. Wer am härtesten arbeitet und zugleich am meisten Spaß dabei hat, ist auf einem verdammt guten Weg dorthin.

Tony Hawk, Sie sind ein großer Fußballfan. Wie lautet Ihr Tipp fürs Finale der Fußballweltmeisterschaft kommenden Sonntag in Südafrika?

Das Team mit den meisten Vuvuzelas im Fanblock wird auch auf dem Platz den Ton angeben! (lacht)

Das Gespräch führte Sophie Guggenberger, Mitarbeit Joachim Beckert.

ZUR PERSON
Tony Hawk, der wohl berühmteste Skateboarder auf diesem Globus, nimmt mittlerweile nicht mehr an offiziellen Wettbewerben teil. Der 42-Jährige fährt aber noch regelmäßig Skateboard, tritt bei Shows auf und arbeitet als Kommentator fürs Fernsehen. Tony Hawk ist verheiratet und Vater von drei Söhnen und einer Tochter.

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben