Ski alpin : Felix Neureuther fährt jetzt mit Kopf

Früher kannte der Skirennfahrer Neureuther nur volles Risiko. Jetzt hört er nicht mehr nur auf seinen Bauch, sondern kann sein Tempo kontrollieren. Das beginnt sich auszuzahlen.

Elisabeth Schlammerl
Kontrolliert zum Sieg. Am Dienstag gewann Neureuther in München.
Kontrolliert zum Sieg. Am Dienstag gewann Neureuther in München.Foto: dpa

München - Marcel Hirscher hatte alles versucht, auf der Piste und auch später. Als er erklären wollte, warum Felix Neureuther schneller war, stellte er sogar einen nicht ganz ernst gemeinten Zusammenhang her zwischen dem dampfenden Tee, den sich der deutsche Skirennläufer nach seinem dritten Weltcupsieg und wegen einer leichten Verkühlung hatte bringen lassen, und dem Ausgang des Parallelslaloms auf dem Münchner Olympiaberg. Aber am Ende kam der Österreicher zu folgender Erkenntnis: „Der Felix war heute unschlagbar.“

Zum ersten Mal in dieser Saison. Weil der Erfolg auf einem nur 200 Meter langen und mäßig steilen Hang passierte, die Strecke nur gut 20 Tore umfasste und die Rennläufer lediglich rund 18 Sekunden vom Start ins Ziel benötigten, musste sich Neureuther am Abend des Neujahrstages mit der Frage beschäftigten, ob es überhaupt ein richtiger Weltcupsieg ist. „Es waren die besten Slalomfahrer der Welt dabei, ich denke schon“, sagte er. Die nervliche Anspannung sei fast größer als bei anderen Rennen und körperlich ist es kaum weniger anstrengend, weil die Besten achtmal den Kurs absolvierten. Der Sieg in München vor 17 000 Zuschauern ist für Neureuther „speziell“, aber trotzdem nicht ganz zu vergleichen mit den Erfolgen in Kitzbühel und Garmisch-Partenkirchen vor drei Jahren. Neureuther ist ein Spezialist für das Wettkampfformat, das der Internationale Skiverband seit einigen Jahren forciert. City Events mit Parallelrennen sollen auf Dauer die Superkombination ersetzen. In dieser Saison gab es nicht mehr nur Punkte für den Gesamtweltcup, sondern erstmals auch für die Slalomwertung. 2009 gewann der 28-Jährige auf einer Rampe am Roten Platz in Moskau. Weltcuppunkte hatte es damals noch nicht gegeben, aber aufgrund guten Marketings war fast die gesamte Elite bei dem Einladungsrennen anwesend gewesen.

Der Erfolg vor vier Jahren war in jener schwierigen Saison eine Überraschung, dieses Mal ist er eine logische Konsequenz. Neureuther absolviert seine beste Saison – trotz eines Bandscheibenvorfalls, der ihn im Herbst mehrere Wochen vom Training abhielt. Bei sieben Starts ist er nicht einmal ausgefallen, sechsmal landete er unter den besten Sieben, allein der 17. Platz im ersten Riesenslalom in Beaver Creek fiel etwas aus dem Rahmen. In der Slalomwertung ist er Zweiter, im Gesamtweltcup Vierter.

Dass er Hirscher in München besiegte, „war sehr wichtig“, sagt Neureuther. Der Österreicher ist derzeit der dominierende Slalomläufer. „Das hinterlässt Eindruck. Marcel hätte sonst Oberwasser bekommen“, sagt Neureuther. Vor allem vor den Spezialslalom-Wochen im Weltcup, die am Sonntag in Zagreb beginnen. Es klingt fast nach einer Strategie. Dabei trat Neureuther in seiner Karriere bisher nicht als großer Taktiker auf. Lieber riskierte er zu viel und schied aus, als mit Sicherheitsfahrten solide Ergebnisse zu erreichen. Nicht der Kopf steuerte seine Fahrten, sondern der Bauch. Neureuther weiß mittlerweile, dass es auf die richtige Dosis ankommt – und die findet er sowohl im Slalom als auch in seiner bisher schwächeren Disziplin, dem Riesenslalom. „Er kann seinen Speed jetzt kontrollieren“, sagte der deutsche Männer-Cheftrainer Karlheinz Waibel.

Neureuther sieht es als Reifeprozess. „Das hat gedauert“, gibt er zu. Geholfen hat ihm neben dem Materialwechsel im Sommer 2011 auch die Dynamik im deutschen Team. Viele Jahre war er einziger Top-Athlet, nun haben Fritz Dopfer und Stefan Luitz aufgeschlossen. Waibel findet: „Felix blüht richtig auf durch diese Situation.“ Noch hat Neureuther sein Limit nicht erreicht. „Wenn das Gefühl stimmt“, sagt er, „kann ich einen raushauen“ – und Hirscher auch in einem Spezialslalom bezwingen. Es muss aber noch gar nicht am Sonntag in Zagreb sein. „Es kommen ja noch viele Slaloms“, sagt Neureuther. Unter anderem der bei der WM in Schladming im Februar. Elisabeth Schlammerl

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