Ski-Alpin : Mathias Berthold: "Das ist schon sensationell"

Mathias Berthold ist Cheftrainer der deutschen Alpin-Damen. Im Interview spricht er über Maria Rieschs Kämpfernatur, Lindsey Vonns angebliche Verletzung und die Bedeutung des Olympiasiegs für seine Sportart in Deutschland.

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Mathias Berthold. -Foto: dpa

Haben Sie erwartet, dass Maria Riesch in der Superkombination Gold gewinnen würde? 



Nach der Leistung am Mittwoch nicht. Aber das Mädel ist sensationell Ski gefahren, alle Achtung. 

Sie sollen die Leistung am Vortag indiskutabel gefunden haben. 

Das habe ich nicht gesagt. Aber wenn man vorne mitfahren will, muss man sich anders präsentieren. Es war aber auch eine schwierige Situation in der Abfahrt für Maria Riesch, mit den ganzen Stürzen und Unterbrechungen. Oben wurde ein Mädel verarztet, das gestürzt ist und sich direkt am Start ein Kreuzband gerissen hat. Das sind alles Dinge, die für jemanden, der nach schweren Verletzungen zwei Jahre aussetzen musste, nur schwer wegzustecken sind. 

Was haben Sie nach der verkorksten Abfahrt gemacht

Wir haben deutliche Worte gefunden, ich war ein bisschen sauer. Wir haben eine gute Gesprächsbasis, da krachen wir schon mal zusammen, aber fünf Minuten später sind wir wieder gut. Wir haben auch die guten Sachen herausgestrichen: Maria ist unten die beste Zeit gefahren, an so etwas muss man sich aufbauen. 

Wie gelingt es ihr, mit Gold zurückzukommen?

Ich kenne nicht viele, die das schaffen. Gut, was die Bronzemedaillengewinnerin Anja Pärson gemacht hat, ist auch hammermäßig. Nach so einem Sturz ist deine Karriere normalerweise beendet. Oder du musst länger Zeit im Krankenhaus verbringen. Da muss man auch den Hut ziehen. 

Ist das Zurückkommen Maria Rieschs große Stärke?

Entweder hast du das oder du hast es nicht. Sie hat es, und wir sind froh drüber. Die Maria hat gelernt, dass man es aus schier ausweglosen Situationen schaffen kann, wenn man an sich selber glaubt. Und das Talent hat. 

Jetzt steht sie mit 25 Jahren in einer Reihe mit deutschen Ski-Olympiasiegerinnen wie Rosi Mittermeier und Katja Seizinger. 

Für mich ist sie sowieso eine der Größten. Ihr haben in jungen Jahren wegen schwerer Verletzungen zwei wichtige Jahre gefehlt, wenn man danach Schritt für Schritt zurückkommt, ist das schon sensationell. 

Was ist Ihr Anteil an der Medaille?

Der Maria kannst du auch einen Hausmeister an die Seite stellen und sie fährt schnell Ski. Das soll jetzt nicht die Hausmeister abwerten, aber die Maria ist selber so stark, da braucht es nicht viel. 

Was bedeutet diese Goldmedaille für den alpinen Skisport in Deutschland? 

Ich hoffe, dass wir den Skisport in Deutschland weiter nach oben bringen werden. Wir bemühen uns ja, wir rackern und gewinnen Weltmeistertitel, aber irgendwie ist der Funke noch nicht übergesprungen. Die Deutschen denken immer noch, wir sind ein Land der Biathleten. Die Magdalena Neuner macht es uns auch schwer mit ihren Erfolgen. Aber wir treten nicht gegen die Biathleten an, wir sind der Deutsche Skiverband und sind froh um jede Medaille. 

Was halten Sie von Lindsey Vonns Schienbeinverletzung, die sie angeblich bei Olympia behindert? 

Lindsey Vonn hat in ihrem Leben noch nie eine schwere Verletzung gehabt. Jammern können diejenigen Fahrerinnen, die schwer verletzt sind. Die haben Kreuzbandrisse und sitzen verletzt zu Hause. Aber mir ist es wurscht, ob sie übertreibt. Ich habe meine Meinung dazu. Jetzt wird’s wahrscheinlich wieder der Fuß gewesen sein im Slalom, ich weiß es nicht. 

Hat es sie überrascht, dass Lindsey Vonn im Slalom als Führende gestürzt ist? 

Es ist schade, dass sie gestürzt ist und die Entscheidung auf diese Art und Weise gefallen ist. Ich hätte es ihr gegönnt, dass sie runterkommt und eine Medaille gewinnt. Ich glaube, dass sie für den ersten Platz von Maria Riesch keine Gefahr dargestellt hätte. Bei der ersten Zwischenzeit hatte sie schon drei Zehntelsekunden verloren gehabt. 

Eigentlich hätte Lindsey Vonn nach der Goldmedaille vom Vortag locker fahren können.

Aber im Slalom ist sie zu schwach, da kann sie nicht mithalten. 

Lindsey Vonn hat vorgelegt, Maria Riesch hat jetzt mit ihrer Goldmedaille nachgezogen – ist das Duell endgültig eröffnet?

Es gibt für mich kein Duell. Im Super G liege die Vorteile bei Lindsey Vonn und Anja Pärson, in Slalom und Riesenslalom haben wir eine gute Mannschaft mit Viktoria Rebensburg, Kathrin Hölzl oder Susanne Riesch. Da liegt der Druck nicht mehr so sehr auf den Schultern von Maria Riesch. Jetzt müssen wir nur sehen, dass wir die nächsten Tage gut verbringen und uns gut vorbereiten. Und nicht zu viel feiern.


Der Österreicher Mathias Berthold (44) ist seit 2006 Cheftrainer der deutschen Damen. Das Interview führte Benedikt Voigt.

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