Ski alpin : Rollentausch bei der Hetzjagd

Maria Riesch patzt in der Abfahrt und fällt in der Gesamt-Weltcup-Wertung hinter Lindsey Vonn zurück. Bis gestern hatte Riesch noch 23 Punkte Vorsprung, jetzt liegt sie 27 Punkte hinter Vonn.

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Unterkühlte Atmosphäre. Maria Riesch (links) und Lindsey Vonn aus den USA sind derzeit nicht bloß erbitterte sportliche Rivalinnen, auch als Freundinnen im Weltcup-Zirkus hatten sie schon erheblich entspanntere Zeiten.
Unterkühlte Atmosphäre. Maria Riesch (links) und Lindsey Vonn aus den USA sind derzeit nicht bloß erbitterte sportliche...Foto: dpa

Berlin - Jeder konnte ihre Enttäuschung sehen, dazu musste Maria Riesch kein Wort sagen, sie musste nicht mal ihre Ski abschnallen. Im Zielraum sank sie quasi in Zeitlupe zu Boden, dann lag sie im Schnee, sekundenlang, allein mit ihrem Schmerz, beobachtet von Tausenden Zuschauern in Lenzerheide.

Auf der Anzeigentafel stand ihre Zeit, 1:30,69 Minuten, aber Maria Riesch blickte gar nicht hin; dass sie mies gefahren war, wusste sie auch so. 1:30,69 Minuten, das bedeutete gestern bei der Weltcup-Abfahrt in Lenzerheide am Ende Rang 17. Schlimm genug für die 26-Jährige aus Garmisch-Partenkirchen. Schlimmer noch für sie allerdings, dass Lindsey Vonn erheblich schneller war (1:28,88) und am schlimmsten für Riesch: Die US-Amerikanerin hat damit die Führung in der Gesamt-Weltcupwertung übernommen. Bis gestern hatte Riesch noch 23 Punkte Vorsprung, jetzt liegt sie 27 Punkte hinter ihrer besten Freundin im Weltcup. Das kann sich, in der Theorie, schnell ändern. Heute findet beim Weltcup-Finale in Lenzerheide der Super-G (12.30 Uhr, live in der ARD) statt, das drittletzte Rennen des Finals.

Nur, wenn Riesch dann so auftritt wie in der Abfahrt, dann wird das nichts mit einer guten Platzierung im Super-G. „Ich bin total schlecht gefahren, das ärgert mich“, sagte die 26-Jährige. „Aber man muss das abhaken und weiter geht’s.“

Das ist einerseits der übliche Spruch. Andererseits ist er ja nicht völlig sinnfrei. Dass man auch als Topfahrerin eine Abfahrt verpatzt, ist nicht ungewöhnlich. Und die Entscheidung im Gesamt-Weltcup ist noch längst nicht gefallen, der deutsche Alpin-Direktor Wolfgang Maier sagte den Reportern in Lenzerheide: „Ich habe schon Finals erlebt, bei denen eine Fahrerin 200 Punkte Vorsprung hatte und dann doch nicht gewonnen hat.“

Die Frage ist, ob im Fall Riesch einfach nur ein Problem der Tagesform vorlag. Eher nicht. Die 20-malige Weltcup-Siegerin hatte schon am vergangenen Wochenende in Spindlermühle enorme Probleme. Platz 29 im Riesenslalom, im Slalom ausgeschieden, das war auch schon bitter. „Objektiv fährt sie zu schlecht Ski, als dass sie es der Vonn noch streitig machen kann“, sagte Maier. „Aber ich lebe mit der Hoffnung, dass sie die Dinge von heute auf morgen umbiegen kann.“

Vonn lebt im Moment mit der Gewissheit, dass sie die Schwächen der Deutschen ausnutzt. In Spindlermühle wurde sie Dritte im Riesenslalom. Zeitweise hatte ihr Rückstand auf Riesch schon 200 Punkte betragen. Möglicherweise kommt Maria Riesch mit dem Druck nicht klar. Der Sieg im Gesamt-Weltcup ist ihr großes Ziel, dafür hatte sie in der Saisonvorbereitung die Abfahrt, die Vonn in der vergangenen Saison dominiert hatte, so intensiv trainiert wie noch nie. Der Erfolg waren zwei symbolträchtige Abfahrtssiege im kanadischen Lake Louise, wo Vonn von den vergangenen zehn Abfahrten sieben gewonnen hatte.

Doch jetzt ist die Saison fast zu Ende, sie hat die Allrounderin Riesch körperlich und psychisch viel Kraft gekostet. Ihre PR-Aktivitäten kamen noch dazu. Schon bei der WM in Garmisch-Partenkirchen stand sie enorm unter Druck, dass sie jetzt dünnhäutig auf ein paar Psychospielchen von Vonn reagiert, ist bemerkenswert. Gut, möglicherweise hat Vonn ihre Freundin belogen, als sie bestritt, dass sie einen Rennschuh benutzt hatte, der nicht von ihrem Ausrüster kam. Aber eigentlich hat Riesch andere Sorgen, als sich über die Frau zu empören, mit der sie seit Jahren Weihnachten feiert.

Aber jetzt hat der Druck auf Riesch etwas nachgelassen , die Gejagte wird wieder zur Jägerin. Und diese Rolle ist der 26-Jährigen gar nicht so unrecht. Das sagte sie jedenfalls nach der Abfahrt. „Ich bin da fast ein bisserl froh, endlich. Das war eine solche Hetzjagd die letzten zwei Wochen.“ Sie ist noch nicht zu Ende, die Hetzjagd. Nur hetzt sie jetzt die Andere.

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