Sport : Ski und Jodel gut

Wie 35000 Zuschauer das erste Biathlon-Spektakel in der Arena Auf Schalke zum Gemeinschaftserlebnis machen

Andreas Morbach

Gelsenkirchen. Einmal hat Jürgen de Haas versucht, eine Eintrittskarte für ein Fußballspiel in der Arena Auf Schalke zu ergattern. Der Versuch endete in der Wuppertaler Ticketzentrale schon beim Klick im Internet. Die Seite für die immer ausverkauften Heimspiele der Schalker? „Keine Chance, die kamen erst gar nicht in die Seite rein", erinnert sich der Mittvierziger. Von weiteren Anläufen sah de Haas, einst „total interessiert“ am Fußball, danach ab. Es war kein großes Opfer für de Haas, denn der Mann der jetzt anlässlich der Biathlon World Team Challenge vor der blau-weißen Arena im Gelsenkirchener Sprühregen steht, ist zu den Biathleten übergesiedelt. Aus tiefster Überzeugung.

Vor ihm auf der Leinwand mühen sich beim VIP-Rennen gerade der Zehnkämpfer Frank Busemann, der Ex-Skifahrer und heutige Skihallenbetreiber Marc Girardelli und Schalkes Torwart Frank Rost mit Skiern und Gewehr ab. Doch gekommen sind de Haas, sein Begleiter Rolf Schröder und die meisten der 35180 Besucher vor allem wegen der Arena, die sie endlich einmal während einer Sportveranstaltung von innen erleben können. Und wegen Biathlongrößen wie Ole Einar Björndalen, Kati Wilhelm oder Ricco Gross, die den Abend beim Mixed-Staffel-Sprint zur Vorbereitung auf den nächsten Weltcup Anfang Januar in Oberhof nutzten.

Innerhalb der Arena wurde die Biathlon-Show sehr gut präsentiert. Das honorierten auch die Zuschauer, die für hervorragende Stimmung sorgten. La Ola schwappte trotz Regens durch das Stadion, die Biathlon-Fans jubelten und klatschten im Rhythmus. 10000 Euro und einen Kleinwagen gab es für das Siegerpaar der. Ein Witz, wie Jürgen de Haas findet, ist das Preisgeld. „Was sind 10000 Euro? Schauen Sie sich an, was Fußballer verdienen und wofür.“ Biathlon, das sei richtig „hartes Brot". Fußballer sind in seinen Augen dagegen nur „unnahbare Herrgötter". Rudi Assauer, Schalke-Manager und Geschäftsführer der S04-Stadion-Betriebsgesellschaft, dient Jürgen de Haas dabei als Rotes Tuch. „Der haut so viel Luxus raus. Sitzt mit seinem Limobecher und seiner Zigarre am Spielfeldrand. Das ist doch kein Sportler." Die Chance, den Gegenbeweis anzutreten, hat Rudi Assauer gestern verpasst. Beim Prominentenrennen als schießende und laufende Attraktion angekündigt, lag der Schalker Manager gestern grippekrank in seinem Bett in Gelsenkirchen-Buer. Manch einer vermutete allerdings die Angst vor einer Blamage als eigentliche Ursache der Abstinenz. „Hätte der Assauer geschossen", erzählte Ordner Hans Behnecke beim Blick auf die aus Sicherheitsgründen nicht besetze Nord- und Osttribüne einen Scherz aus Mitarbeiterkreisen, „dann hätte auch die Südtribüne geräumt werden müssen.“ Die liegt freilich im Rücken der Schützen.

Der starke Mann auf Schalke blieb bei der Wintersport-Kirmes mit rasch in den Matsch gesetzten Tannenbäumen, mit Lederhosen, Kufsteinlied, reichlich Glühwein, Würstchen und Werbung also zu Hause. Und auch das übrige Volk, das sich an der Strecke drängelte, auf der der Kunstschnee seinen mühevollen Kampf gegen die warmen Temperaturen absolvierte, hatte mit der Klientel bei den üblichen Veranstaltungen nichts zu tun. „Wir erleben hier einen Familienausflug nach Weihnachten“ hatte der Ordner Behnecke korrekt beobachtet.

Das galt zum Beispiel für Hermann Schmitz und seine Tochter Sonja. Die vierzig Kilometer aus Unna waren die passionierten Langläufer herüber gekommen, um „mal zu sehen, wie das die professionellen Biathleten so machen". Sie selbst steigen in der Wintersportregion Sauerland auf die dünnen Skilanglauf-Bretter, in der verregneten Fußballregion Ruhrgebiet genossen sie gestern ihren Ausflug aber in vollen Zügen.

Da waren die drei müden Gestalten vor der mit Discorhythmen beschallten Minirodelbahn ganz anderer Meinung. Als hätten sie sich verlaufen, stehen Heinz-Günter Gervers und Ehefrau Ingrid herum, neben ihnen die aus Wesel mit angereiste Sabine Barsch. Freunde, ihres Zeichens Schalke-Fans, hatten ihnen den Tipp zum Busausflug in den Pott gegeben. Tolle Freunde, dachte sich das Trio. In Gedanken waren sie eigentlich schon rund viereinhalb Stunden weiter – bei der Rückfahrt. „Solange müssen wir wohl warten", erklärt ein sichtlich enttäuschter Heinz-Günther Gervers, und seine Frau ergänzt fast schicksalsergeben: „Mitgehangen, mitgefangen.“ Der positivste Aspekt des seltsamen Ausflugs ist für das Paar dabei noch, dass Bummeln in Gelsenkirchen-Buer in ihrem Programm nicht vorgesehen ist. Zu Recht, wie Heinz-Günter Gervers ahnt: „Hier ist sicher auch nicht mehr los als in Wesel."

Bedeutend besser geht es da Jürgen de Haas. Aber der hat ja auch, was er will. Biathlon live. „Fantastisch", findet er das, was ihm in Gelsenkirchen kurz nach Weihnachten geboten wird. Ein ganzes Stück weiter nördlich, in Cuxhaven, hat Jürgen de Haas einmal die Björndalens, Disls und Lucks beim Inline-Skating gesehen. Nach diesem Erlebnis wurde der Fußballanhänger zum Biathlon-Fan. Aber auch in seiner neuen Disziplin ist der Mann schon wieder an Grenzen gestoßen. Für die Weltmeisterschaften 2004 in Oberhof wollte er sich Karten besorgen. Vergeblich. Alles schon ausgebucht.

Wie gut, dass neuerdings auch auf Schalke geschossen und gelaufen wird.

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