SKI-WM : Doppelter Wahnsinn

Michael Walchhofer rast zweimal die gefährliche WM-Abfahrt hinab – und erhält eine Tapferkeitsmedaille.

Jörg Köhle[Val d’ Isere]

Am Abend erhielt Michael Walchhofer trotzdem eine Medaille. Im „Tirol Berg“, dem Österreich-Haus in Val d’Isere, überreichte ihm die Glasfachschule aus Kramsach die Tapferkeits- und Trostmedaille für besondere Verdienste bei dieser Weltmeisterschaft. Bei Tafelspitz-Sülzchen und Medaillons vom Tiroler Alm-Ochsenrücken wurde Walchhofer gefeiert wie ein Weltmeister. Dabei ist er genau das nicht geworden, stattdessen war er der Leidtragende eines Fehlers der Rennjury. Diese hatte den Österreicher am Samstag beim Sieg des Kanadiers John Kucera gleich zweimal auf die Weltmeisterschaftsabfahrt geschickt. Innerhalb einer Stunde riskierte er zum zweiten Mal sein Leben auf der 2988 Meter langen Strecke, mit der die meisten nach einem Lauf restlos bedient sind. „Ein echtes Konditionsschwein“, sagte der Liechtensteiner Konkurrent Marco Büchel, und Didier Cuche konnte es gar nicht fassen. Der Schweizer sagte: „Zweimal da runter, das ist der Wahnsinn.“

Wegen wechselnder Sicht durch Nebel musste das Rennen mehrmals unterbrochen werden. Walchhofer kam als Zwölfter ins Ziel, hätte aber gar nicht starten dürfen. Angeblich hatte der Startrichter einen Stopp-Befehl von Renndirektor Günther Hujara überhört. Walchhofer durfte oder besser musste noch einmal ran. Rein in die Gondel, rauf auf den Bellevarde, 50 Minuten später stand der 33-Jährige erneut im Starthaus.

„Andere Nationen hätten es nicht gemacht“, glaubt der österreichische Skirennfahrer Hermann Maier, sie hätten das Ergebnis akzeptiert. Doch Walchhofer wollte es mit Gewalt noch einmal probieren. „Das macht Österreich nicht sympathischer“, sagte Maier. Walchhofer kam im zweiten Versuch sogar noch schneller ins Ziel, Platz neun statt zwölf, 0,41 Sekunden schneller. „Meine Oberschenkel sind ziemlich aufgebläht“, sagte er anschließend. Dann nahm der Fall skurrile Formen an: Walchhofer wurde doch als Zwölfter gewertet, weil Hujaras Ruf bei Überprüfung der Funksprüche nicht zu hören war. Hans Pum, Alpinchef des Österreichischen Skiverbandes, zürnte: „Die Jury hat zweimal versagt.“ Was hätte man gemacht, wenn der Hotelier aus Zauchensee tatsächlich aufs Podest gerast wäre? Die Medaille annulliert?

Diese Frage blieb dem Internationalen Skiverband erspart. Kucera durfte nach langem Warten seinen Titel feiern, ebenso wie die starken Schweizer ihre Medaillen: Didier Cuche schaffte es als einziger der Favoriten aufs Podest und gewann nach Gold im Super-G diesmal Silber, der junge Carlo Janka erhielt bei seinem WM-Debüt Bronze. Dem einzigen deutschen Starter Stephan Keppler verhalf Startnummer drei bei sonnigen Verhältnissen immerhin zu Platz 15. Seine mit Abstand beste Abfahrtsplatzierung dieses Winters machte ihn wegen eines Fahrfehlers nicht glücklich. Keppler sagte: „Mit diesem Berg hatte ich so meine Probleme.“ Nächste Versuche: heute in der Super-Kombination, am Mittwoch im Teamwettbewerb.

Da ist Hermann Maier längst daheim, um seine Erkältung auszukurieren. Die Frage nach der Sinnhaftigkeit seines Starts beantwortete der 36-Jährige mit Rang sechs und dem besten Resultat für die ansonsten enttäuschenden österreichischen Männer. Sie bleiben erstmals seit 18 Jahren bei einer WM in den Speeddisziplinen ohne Medaille.

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