Skicross : Mann gegen Mann

Skicross ist die härtere Variante des Alpinsports: Körperkontakt ist nicht nur erlaubt, sondern erwünscht.

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Vier Mann auf einer Piste. Skicross ist schnell und spektakulär - und in Vancouver erstmals Teil des olympischen Programms. -Foto: Imago

„Simon Stickl aus Deutschland sehen wir hier im roten Leibchen, ganz außen hat er seinen Startplatz gewählt. Daron Rahlves ist mit dabei in Grün, der Schweizer Michael Schmid in Blau und David Duncan im gelben Leibchen links von uns aus gesehen. Wer gewinnt das Weltcuprennen in Sankt-Johann-Oberndorf?“

Als Simon Stickl mit zwei Jahren anfing, Ski zu fahren, konnte er nicht ahnen, dass er sich eines Tages dem Kampf Mann gegen Mann auf der Skipiste verschreiben würde. Wie sein Großvater Sepp Folger, der 1950 den Weltcup-Slalom von Kitzbühel gewonnen hat, wie auch sein Vater und sein Bruder versuchte er sich zunächst als alpiner Skirennfahrer. Es lief auch nicht schlecht, bis in den C-Kader des Deutschen Skiverbandes (DSV) schaffte er es, dann stoppte ihn mit 17 Jahren ein Schienbeinbruch. Das war der Moment, in dem er die junge Sportart Skicross entdeckte.

„Stickl ist als Schnellster gestartet, der Deutsche, er ist vorne. Dann der Zweikampf, der Kanadier David Duncan und der Amerikaner Daron Rahlves …“

Es ist ganz gut gelaufen für Simon Stickl in Oberndorf. In der Qualifikation hat der 22 Jahre alte Sportsoldat die schnellste Zeit aller 89 Starter aus 24 Ländern hingelegt. Die Qualifikation ist der Moment, in dem die neue olympische Sportart am ehesten dem alpinen Skifahren ähnelt. Jeder Fahrer rast alleine durch den mit Wellen, Steilkurven und Sprüngen ausgelegten 750 Meter langen Parcours und kämpft rund 40 Sekunden lang um eine gute Zeit. Die schnellsten 32 sind fürs Finale qualifiziert. „Wir haben eine riskante Linie gewählt, oben auf der Steilkurve, da hat es einige rausgehauen“, erklärt Helmut Herdt, der Sportliche Leiter für Skicross im DSV. Einige kamen schon in der Qualifikation nicht ins Ziel, ein Zeichen, dass die vereiste und steile Strecke extrem schwierig ist. Keiner weiß das besser als Daron Rahlves. Der 36 Jahre alte ehemalige Alpinrennfahrer hat schon Gold, Silber und Bronze bei alpinen Skiweltmeisterschaften gewonnen. Sogar die Abfahrtsstrecke auf der anderen Seite des Tals, die Streif in Kitzbühel, hat er 2003 als Schnellster bewältigt. Seit zwei Jahren fährt er Skicross. Rahlves hat sich nach der Qualifikation den Schweiß von der Stirn gewischt und gesagt: „Oh Mann, da oben geht es nur ums Überleben.“

„Da ist er … Da haben wir Simon Stickl, wo sind die Fans aus Deutschland? Ohhh, der zieht davon hier.“

Es hat sich gelohnt für Stickl, die Qualifikation gewonnen zu haben. In allen Finalrennen darf er als erster von je vier Fahrern seinen Startplatz wählen. Die beiden schnellsten kommen in die nächste Runde. „Bei uns gibt es in jedem Rennen einen Sieger“ sagt DSV-Skicross-Chef Helmut Herdt. In Oberndorf wählt Stickl immer den Startplatz links außen, weil sich nach zwei Wellen eine Linkskurve öffnet und er somit auf der kürzeren Innenbahn fahren kann. „Das gibt’s öfters, dass der mit der besten Qualifikation gewinnt, weil er die bessere Gatewahl hat“, sagt Stickl, „aber jeder Start ist auch perfekt gelaufen, das hätte ich mir nicht geträumt.“ Auf den ersten Metern, wenn es darum geht, Fahrt aufzunehmen, kann Stickl seinen Gegnern stets ein paar Zentimeter abnehmen. Sowohl in der Runde der besten 32, der besten 16, der besten 8 und schließlich im Finale. Überhaupt empfiehlt es sich, ein Skicrossrennen von der Spitze zu fahren. Dann hält man sich aus den gefährlichen Zweikämpfen raus.

„Mit dem gelben Leibchen, das ist Duncan, das blaue Leibchen, was passiert da? Michael Schmid aus der Schweiz, was macht er? Er scheidet aus.“

Selten kommen alle vier Fahrer ohne Sturz ins Ziel. Oft stürzt einer bei einem gefährlichen Überholmanöver, steht wieder auf, fährt weiter. Körperkontakt ist erlaubt, eigentlich sogar erwünscht. „Wir wollen den Kampf Mann gegen Mann“, sagt Herdt, „alles ist erlaubt, außer halten oder offensichtlich dem anderen den Fahrweg versperren.“ Trotzdem sei seine Sportart nicht gefährlicher als Alpinskifahren. „Es fährt keiner hirnlos in einen rein“, erklärt Herdt, „es gibt keine Bodychecks wie im Eishockey, wenn ich das mache, stehe ich selber außerhalb des Kurses.“ In Oberndorf überqueren einmal zwei Fahrer Körper an Körper wie zwei zeitgleiche Radsprinter die Ziellinie. Die Zuschauer jubeln. Und sie stöhnen entsetzt auf, als Tommy Eliasson im Rennen beinahe auf einen gestürzten Rennläufer springt. „Du hättest fast einen umgebracht“, sagt später eine Zuschauerin zu dem Schweden. Es gibt sogar eine Regel für den Fall, dass niemand das Ziel erreicht. Dann hat der gewonnen, der am nächsten zur Ziellinie stürzt.

„Hier kommt der Sieger von Oberndorf und der heißt: Simoooon Stickl, Deutschland. Vor Daron Rahlves, Applaus. Aber Simon Stickl ist der große Sieger.“

Simon Stickl hat in Oberdorf zum ersten Mal einen Weltcup gewonnen. „Das hätte ich mir nicht erträumt“, sagt er. Nun ist er auch für Vancouver qualifiziert. Und er hat Daron Rahlves geschlagen. Der Amerikaner ist der prominenteste aller Alpinfahrer, die sich im Skicross versuchen. „Es ist gut für uns, wenn solche Leute kommen“, sagt Simon Stickl. „Und wenn sie am besten nicht gewinnen.“ Daron Rahlves hat bis heute in keinem Skicross-Weltcup die Ziellinie als Erster überquert.

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