Sport : Skifahren für den Seelenfrieden

Lindsey Vonn findet zu alter Stärke zurück und versöhnt sich mit Höfl-Riesch.

von
Ablenkung in der Luft. Nach der Trennung von ihrem Mann dominierte Lindsey Vonn die Weltcup-Tage von Lake Louise. Foto: dpa
Ablenkung in der Luft. Nach der Trennung von ihrem Mann dominierte Lindsey Vonn die Weltcup-Tage von Lake Louise. Foto: dpaFoto: dpa

Nur die Augen verraten Lindsey Vonns wahren Gemütszustand. Ängstlich und unsicher blicken sie in die Runde, während ihr Mund etwas ganz anderes erzählt: „Ich bin sehr glücklich, hier in Lake Louise einen weiteren Sieg errungen zu haben.“ Zu ihrer linken Seite stehen in der Pressehütte zwei ausgestopfte Grizzlybären, zu ihrer rechten warten ihre Schwester Karin Kildow und ein Ski-Servicemann. Früher saß dort auch ihr Ehemann Thomas Vonn – doch diese Tage sind vorbei. Am Vortag hat die US-amerikanische Skirennfahrerin deshalb eine Frage zu ihrem Privatleben beantworten müssen, es dürfte der Grund sein, warum sie so ängstlich in die Runde blickt. Doch keiner fragt erneut.

Privat durchlebt die 27 Jahre alte Lindsey Vonn im Moment eine schwere Zeit, seit ihr Ehemann die Scheidung eingereicht hat. Sportlich aber fährt die Abfahrts-Olympiasiegerin von Vancouver die Konkurrenz in Grund und Boden.

In Lake Louise gelang ihr am Wochenende ein Hattrick, sie gewann alle drei Weltcuprennen. „Das ist viel mehr als ich erwarten konnte“, sagt Lindsey Vonn. Nach den beiden Abfahrtsrennen, in denen sie alle anderen Fahrerinnen um jeweils fast zwei Sekunden abgehängt hat, siegte sie am Sonntag auch im Super G. „Um den Sieg fährt im Moment niemand mit, da ist die Lindsey allein auf weiter Flur, das lässt sich nach den letzten Tagen sagen“, sagt Maria Höfl-Riesch, die in Lake Louise in der Abfahrt auf die Plätze neun und sechs fuhr und im Super G auf Rang fünf. In der Gesamtweltcupwertung hat sich Lindsey Vonn von Viktoria Rebensburg bereits etwas abgesetzt. Sportlich läuft es also perfekt, trotz privater Probleme - oder vielleicht sogar deswegen?

„Im Moment ist das Skifahren das Beste für mich, das ist das, was ich brauche“, hat Lindsey Vonn gesagt, als sie in Lake Louise nach ihrem Seelenleben gefragt wurde, „wenn ich auf den Ski stehe und auf dem Berg bin, fühle ich mich ruhig und ausgeglichen.“ Der Sport lenkt sie offenbar von ihren privaten Schwierigkeiten ab. „Dass sie das sportlich negativ beeinträchtigen würde, das kann man nach diesen Tagen wohl ausschließen“, sagt Höfl-Riesch, „vielleicht empfindet sie es sogar als zusätzliche Motivation, sich selbst und allen anderen zu beweisen, dass es auch ohne Thomas Vonn geht.“ Nach ihrer Hochzeit mit dem früheren US-Skirennläufer war Lindsey Vonn endgültig in die Ski-Weltspitze vorgestoßen und hatte dreimal in Folge den Gesamtweltcup gewonnen. Thomas Vonn stand dabei an ihrer Seite, 365 Tage im Jahr. Nun schlendert Lindsey Vonn – den Namen will sie behalten – nach dem Abendessen mit ihrer Schwester Karin durch ihr weitläufiges Hotel in Lake Louise.

Es könnte wieder einmal ihre Saison werden. In Sölden hat sie erstmals einen Riesenslalom gewonnen, sie ist damit die fünfte Skirennfahrerin, die in allen fünf alpinen Disziplinen gewonnen hat. „Es läuft viel besser als letztes Jahr“, sagt Vonn. Nach sechs Rennen lässt sich vorhersagen, dass es für Höfl-Riesch hart wird, ihren Gesamtweltcuptitel zu verteidigen.

Die beiden einstigen Freundinnen waren sich zuletzt eher feindlich begegnet. „Ich habe mir gedacht, die Sache mit ihrem Mann ist eine gute Gelegenheit, um reinen Tisch zu machen und das Ganze aus der Welt zu schaffen“, sagt Höfl-Riesch. Bei einem Kaffee sprachen sich beide in Lake Louise aus und zeigten sich herzlich und erleichtert nach Vonns zweitem Sieg im Zielraum. Vor dem abschließenden Super G lautet die Bilanz von Lake Louise: Mann verloren – aber drei Rennen und eine alte Freundin gewonnen.

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben