Skilanglauf : Perfektion gegen Teamwork

Der deutsche Langläufer Tobias Angerer erkämpft sich in der Doppelverfolgung Silber, obwohl ihm die schwedische Mannschaft das Leben äußerst schwer macht.

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Damit Ski nicht ganz nordisch wird. Tobias Angerer (links) stört die schwedische Meisterschaft von Johan Olsson (Mitte) und Marcus...epa

Er kämpfte nicht nur Mann gegen Mann, Tobias Angerer hatte auch noch eine schwedische Mannschaft gegen sich, die zusammenhielt wie Pech und Schwefel. Die Sonne brannte, der Bayer fühlte sie auf dem körnigen Schnee des Whistler Olympic Park „wie im Sommer“, aber er behielt einen kühlen Kopf. Was auch insofern logisch war, weil er sich früh seiner Mütze entledigt hatte. Er hatte den Kopfwärmer auf der Strecke einfach in den Wald geworfen. Mit Silber in der 30-Kilometer-Doppelverfolgung, bei der je 15 Kilometer im klassischen Stil und in der Skating-Technik gelaufen werden mussten, holte der 32-Jährige als erster deutscher Langläufer seine vierte Olympia-Medaille. Nach Staffel-Bronze in Salt Lake City 2002 und Staffel-Silber sowie Einzel-Bronze über 15 Kilometer in Turin 2006 glänzte Angerer auch am Samstag bei den Winterspielen in Vancouver. „Es ist ein toller Tag für mich, die Sonne scheint, ich habe Silber. Es ist fantastisch“, freute sich der Sportsoldat.

Die Schweden, die das Rennen wie ein Radsport-Team gestalteten, machten ihm das Leben schwer, bis sie sich Gold durch Marcus Hellner (24) und Bronze durch Johan Olsson (29) sicherten. Sie arbeiteten im Kollektiv, das Drei-Kronen-Team hatte nicht festgelegt, wer die Medaillen holen sollte. Zunächst wurde lange der Mann an der Spitze, der mit bis zu 25 Sekunden führende Olsson, durch die anderen abgeschirmt. Sich an die Spitze setzen und dann langsamer werden, den Gegnern mehr oder weniger sachte den Weg versperren – das waren die Mittel, um in der Verfolgergruppe das Tempo zu verschleppen. Angerer und später auch der Russe Alexander Legkow, der Vierter wurde, kämpften gegen die Skandinavier. Auch Jens Filbrich, der einen sehr guten sechsten Platz belegte, beteiligte sich daran, den Schweden-Express aufzubrechen.

Nach dem Rennen kämpfte Angerers Frau. „Ich möchte zu meinem Mann, er hat die Silbermedaille gewonnen“, bettelte Romy Groß-Angerer im Zielraum der Langlauf-Arena. Aber die Ordner ließen sich nicht erweichen, die Dame aus Deutschland hatte nicht den erforderlichen Ausweis um den Hals hängen, also gab es auch kein Pardon. Lange Zeit wartete sie vergeblich auf ihren Mann, der sich gerne bei ihr bedankt hätte, „weil sie mir komplett den Rücken freihält“.

Tobias Angerer fand, dass er ein perfektes Rennen gelaufen war. Nur ein klein wenig trauerte er dem Sieg hinterher. „Ich denke, dass die Möglichkeit da war. Ich muss aber akzeptieren, dass einer einfach stärker war. Ich hätte mich mehr geärgert, wenn ich einen Fehler gemacht hätte, aber ich habe keinen gemacht“, sagte er. Im richtigen Moment, als die Spitzengruppe schon im Stadion zum Spurt ansetzte, attackierte er den führenden Olsson. „Hellner hat einfach ein bisschen mehr Kraft gehabt. Der ist ja auch zehn Jahre jünger“, sagte Angerer, der zur Hälfte des Rennens wichtige Hilfe aus der Schweiz erhielt. Einer seiner Stöcke war verloren gegangen, durch einen Konkurrenten von hinten aus der Hand getreten. Die Betreuer der Eidgenossen halfen für eine Runde mit einem anderen Stock aus, ehe Bundestrainer Jochen Behle die Original-Gehhilfe brachte.

Die Hoffnung Angerers, seinen ersten Olympiasieg zu holen, lebt weiter. Sie hat durch Platz zwei sogar neue Nahrung erhalten. „In der Staffel ist alles möglich. Beim Rennen über 50 Kilometer kommt mir mein Alter entgegen. Dann habe ich ein bisschen mehr Substanz als die Jüngeren, die ihr Pulver schon verschossen haben“, vermutete Tobias Angerer. Alle zusammen, die Schweden und der Rest, hatten einen Gegner: Den Norweger Petter Northug, der zum Star der Saison avancierte, aber wegen seiner Allüren von niemandem geschätzt wird. Statt drei Medaillen hat der 24-Jährige bisher nur eine Bronze (Sprint) geholt. Er wurde auf Platz elf ausgebremst, immerhin etwas weniger frustrierend als Rang 41 über 15 Kilometer.

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