Skilanglauf : Trotz Gold: Der Ärger läuft mit

Evi Sachenbacher-Stehle und Claudia Nystad haben im Teamsprint die bisher überraschendste deutsche Goldmedaille in Vancouver gewonnen. Trotzdem ist die Stimmung im Team angespannt - wegen Bundestrainer Jochen Behle.

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"Hier rein und da raus." Evi Sachenbacher-Stehle (l.) hört auch schon mal weg, wenn Jochen Behle etwas sagt. -Foto: dpa

Eigentlich hätte das alles gar nicht passieren dürfen: Dass Claudia Nystad auf den letzten Metern die Olympiasiegerin Anna Haag abhängt, dass Evi Sachenbacher-Stehle glücklich am Hals ihres Ehemanns hängend aus der Mixed Zone getragen wird, dass am Montagabend auf Whistlers Medal Plaza bei der Siegerehrung des Frauen-Teamsprints die deutsche Hymne ertönt. „Wer gesagt hätte, wir holen am Montag Gold und Silber, dem hätte jeder gesagt: Du lebst auch nicht in der Realität“, sagte der Langlauf-Bundestrainer Jochen Behle. Und doch ist es passiert. 

Evi Sachenbacher-Stehle und Claudia Nystad haben im Teamsprint die bisher überraschendste deutsche Goldmedaille bei den Olympischen Spielen von Vancouver gewonnen. „Genial, es hat einfach alles gepasst“, sagte Startläuferin Sachenbacher-Stehle. Kurze Zeit später holten Axel Teichmann und Tim Tscharnke auch noch die Silbermedaille hinter Norwegen. Doch für Axel Teichmanns Geschichte, die nach viel Pech endlich ein olympisches Happy-End gefunden hat, interessierten sich an diesem Tag nicht viele – was dem wortkargen Thüringer gepasst haben dürfte. Denn mit dem Sieg der Frauen hatte kaum einer gerechnet. „Das kommt von dem Gerede von so manchen Personen“, sagte Evi Sachenbacher-Stehle, „wir zeigen aber immer wieder, dass wir es doch können.“ Sie hatte im Plural gesprochen, meinte aber nur eine einzige Person: den Bundestrainer. 

Behle kritisiert viel - einige meinen: zu viel

Jochen Behle hatte vor dem Teamsprint wieder einmal eine Generalkritik an seinen Läuferinnen geäußert. Das hat inzwischen schon Tradition bei Großereignissen, im vergangenen Jahr hatte er bei der WM den damaligen Frauentrainer Ismo Hämäläinen demontiert. „Ich warte vor jedem Höhepunkt schon auf so etwas“, sagte Evi Sachenbacher-Stehle, die ihre zweite olympische Goldmedaille nach 2002 gewonnen hat, „das geht bei mir hier rein und da raus.“ Der frühere Langläufer Peter Schlickenrieder forderte: „Es ist jetzt an Jochen Behle, sich bei den Mädels zu entschuldigen.“

Doch der Bundestrainer dachte nicht daran, sondern sagt über den ARD-Experten: „Schlickenrieder ist ein Außenstehender, der sich als Experte verkauft, und mittlerweile sehr weit weg ist vom Geschehen.“ Seine Kritik an den deutschen Langläuferinnen erhält er aufrecht. „Wir haben in den Distanzrennen einen so großen Rückstand auf Marit Björgen, weil wir die Trainingsstundenzahl, die sie hat, nicht realisieren“, so Jochen Behle, „das heißt nicht, dass wir im Teamsprint nicht unsere Chancen haben.“ 

Tatsächlich hatten Claudia Nystad und Evi Sachenbacher-Stehle eine taktische Glanzleistung abgeliefert und sich exakt an die Vorgaben gehalten. „Die Evi ist der Motor, ich bin die Sprinterin“, beschrieb Claudia Nystad, „Evi sollte an den Bergen aufholen, ich an der langen Geraden im Ziel.“ Der Plan sei zufällig exakt aufgegangen, nach der letzten Abfahrt überholte sie die Schwedin Anna Haag und zog unwiderstehlich davon. „Die Zielgerade ist unglaublich lang, 400 Meter“, sagte Claudia Nystad, „das war zu meinen Gunsten.“

Wenn es jedoch nach der Kritik von Bundestrainer Jochen Behle geht, dürften die beiden Olympiasiegerinnen bald nicht mehr im Team stehen. „Gerade die beiden sind schon eine Weile dabei“, sagte er trotz der Goldmedaille von Vancouver, „wir müssen sehen, dass wir von unten wieder neue Leute nachbekommen.“ Olympia sei immer ein Schnittpunkt. „Man muss jetzt mit so etwas beginnen, um in vier Jahren Athleten zu haben, die den Übergang schaffen können.“ Die 29 Jahre alte Evi Sachenbacher-Stehle plant bisher, ihre Karriere mindestens bis zur WM 2011 fortzusetzen. Die 32 Jahre alte Claudia Nystad will sich nach dieser Saison entscheiden. 

Behle forciert den Neuaufbau

Der ehemalige Langläufer Peter Schlickenrieder hält von den Plänen des Bundestrainers nichts. „Ein Neuaufbau nur mit Evi Sachenbacher-Stehle ist Schwachsinn, wo willst du denn jetzt so viele junge Läuferinnen herbekommen?“, sagte er, „du brauchst die Claudia, du brauchst Steffi Böhler, die gerade einen Schritt nach vorne gemacht hat.“ Den deutschen Langläuferinnen fehle es an Nachwuchs. „Klar wird Claudia Nystad nicht mehr eine Marit Björgen, aber man braucht sie, damit sie die jungen Läuferinnen heranführen kann.“ Die 19 Jahre alte Hanna Kolb aus Oberstdorf sei ein vielversprechendes Talent. „Aber sie wird nicht in vier Jahren bei Olympia eine Goldmedaille holen, also brauchst du die Alten“, ist sich Schlickenrieder sicher. 

Die haben gerade unter Beweis gestellt, dass sie selbst für das höchste aller Ziele noch gut genug sind. „Jetzt wollen wir auch in der Staffel um Medaillen mitkämpfen“, gibt sich Evi Sachenbacher-Stehle kämpferisch. Die deutschen Läuferinnen haben im Teamsprint davon profitiert, dass dieser in der Skating-Technik ausgetragen wurde. „Das ist unsere Stärke“, weiß die Traunsteinerin. In Sotschi 2014 wird die Variante in der klassischen Technik auf dem Programm stehen, erst bei den Spielen 2018, vielleicht in München, wird erneut in der Skating-Technik gelaufen werden. „Das wäre ja vor der Haustür“, sagte Evi Sachenbacher-Stehle, „da müssen wir noch mal angreifen.“ Es war ein Scherz. Trotzdem gut, dass Jochen Behle ihn nicht gehört hat.

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