Sport : Skispringen: Die ungewohnte Leichtigkeit des Dritten

Benedikt Voigt

Man hätte es verstehen können, wenn sich Martin Schmitt am Schluss noch einmal aufgeregt hätte. Ausgerechnet ein Vertreter einer Boulevardzeitung hatte ihn gefragt, woher denn der große Erwartungsdruck käme, der während der Vierschanzentournee auf ihm lastete. Dabei sind es gerade die Zeitungen mit den großen Buchstaben, die Begriffe wie "Überflieger" oder "Super-Adler" als Synonym für den deutschen Skispringer verwenden. Aber Martin Schmitt grinste nur angesichts des Fragestellers und sagte: "Dir wächst gleich ein Heiligenschein."

Am Ende der 49. Vierschanzentournee hat Martin Schmitt wieder zu seinem alten Humor und seiner Souveränität zurückgefunden. Während der Tournee waren ihm diese Charaktereigenschaften kurzzeitig entglitten. Fast wirkte der Drittplatzierte der Tournee wie ein schlechter Verlierer, als er in Innsbruck die Veranstalter kritisierte oder nach der Qualifikation in Bischhofshofen ein Interview mit dem Fernsehsender RTL verweigerte. Schmitt war verärgert, weil der Sender einen Trainingssprung mit dem von Tourneesieger Adam Malysz verglichen hatte. Als aber alles vorbei war, saß Schmitt locker und gelöst auf dem Podium in Bischofshofen. Er wirkte erleichtert. "Ich hatte eine geistige Müdigkeit, die einfach kommt, wenn du unter einem so großen Druck stehst", sagte der Weltcup-Sieger der vergangenen beiden Jahre.

Obwohl es auch im dritten Anlauf für den Favoriten nicht mit dem ersten Sieg bei der Vierschanzentournee klappte, war Schmitt mit seinem dritten Platz zufrieden. "Man kann nicht sauer sein, dafür ist der Abstand zu Malysz zu groß." Es habe einfach einen Besseren gegeben. Das soll in Zukunft aber nicht so bleiben, schließlich will er seinen Vorsprung im Gesamtweltcup vor dem Finnen Janne Ahonen und dem Tourneesieger verteidigen. "Malysz ist kein Übermensch", sagt Schmitt, "in Innsbruck habe ich ihm im Training elf Meter abgenommen."

Der Pole aber hatte den Vorteil, dass er unbelastet antreten konnte. Bei Martin Schmitt sprangen in jedem Versuch hohe Erwartungen mit. "Ich muss ja schon bei jedem Training weit springen, sonst werde ich schräg angeguckt", sagt er. Aus diesem Grund regten ihn auch die übereinandergeschnittenen Fernsehbilder aus dem Training von Bischhofshofen auf. "Das ist keine Kritik an RTL, das ist diese Grundhaltung: Man steht ständig unter Beobachtung."

Das freilich ist keine neue Erkenntnis für Deutschlands Sportler des Jahres 1999. Die Popularität der deutschen Skispringer ist ungebrochen, weshalb der Deutsche Skiverband (DSV) vor der Tournee Bodyguards anheuerte und neue Quartiere für seine Publikumslieblinge besorgt hatte, um sie besser abzuschirmen. "Ohne diese Vorkehrungen hätte ich in Oberstdorf nicht gewonnen", glaubt Schmitt. Insgesamt aber ist eine Vierschanzentournee ein nervenaufreibendes Ereignis, wenn man Martin Schmitt heißt. "Man bekommt keine Ruhe", sagt er, "das kann man verkraften, wenn man am Anfang auf eine gewisse Euphoriewelle kommt." Das ist ihm trotz seines ersten Platzes von Oberstdorf nicht gelungen.

Der Leistungsdruck ist die andere Seite seiner Popularität, die aufgrund mehrerer Werbeverträge auch ordentlich entlohnt wird. Die Vierschanzentournee hat Schmitt gezeigt, dass es noch schwerer ist als erwartet, mit dem Druck der Öffentlichkeit fertig zu werden. Adam Malysz steht diese Erfahrung erst noch bevor. "Wenn morgen ein Wettkampf wäre, wäre er auch nicht mehr so locker", sagt Schmitt. Malysz hat bereits verlauten lassen: "Ich habe Angst, dass ich jetzt in Polen ein großer Star bin." So eine Rolle wie Martin Schmitt wolle er gar nicht ausfüllen. "Ich möchte mein Leben weiterführen wie bisher", hofft Malysz. Das dürfte schwierig werden. "Wenn in diesem Jahr ein Wettkampf in Zakopane wäre, dann würde der Kessel brodeln", glaubt Schmitt. Wünscht er sich womöglich, einmal noch in der Situation von Malysz zu sein? Wird ihm der Trubel um seine Person womöglich zu viel? Schmitt antwortet: "Ich habe kein Problem mit meiner Rolle."

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