Skispringen : „Ein Radikalschnitt hilft nicht weiter“

Horst Hüttel, Sportlicher Leiter der deutschen Skispringer, spricht in einem Interview vor dem Abschluss der Vierschanzentournee über Probleme und Aussichten beim DSV. Die Fragen stellte Benedikt Voigt.

Absprung. Die Deutschen (hier Pascal Bodmer) wollen wieder nach vorn. Foto: Reuters
Absprung. Die Deutschen (hier Pascal Bodmer) wollen wieder nach vorn. Foto: ReutersFoto: REUTERS

Horst Hüttel, 42, ist seit Sommer 2008 Sportlicher Leiter der Skispringer und Nordischen Kombinierer im Deutschen Skiverband. Zuvor trainierte er die Nordischen Kombinierer.

Herr Hüttel, die Favoriten für das abschließende Springen der Vierschanzentournee heute in Bischofshofen stammen aus Österreich, Schweiz und Finnland. Wann wird Deutschland wieder einen Sieger stellen können?
Darauf kann ich Ihnen keine Antwort geben. Wir versuchen beim Deutschen Skiverband die bestmöglichen Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, aber man kann den Erfolg nicht planen. Deshalb werde ich mich davor hüten, ein Datum zu nennen.

Können Sie sagen, wer diesen Weltcupsieg holen wird?

Auch das ist sehr schwierig. Wir sind gerade in einer sehr spannenden Phase. Wir haben in Pascal Bodmer, Severin Freund und Richard Freitag definitiv drei junge Leute, die das Potenzial haben, in die Weltspitze reinzustoßen. Aber wir haben auch Michael Uhrmann, Michael Neumayer und Martin Schmitt nicht abgeschrieben. Felix Schoft gehört auch dazu, Stephan Hocke ist noch heiß und kann uns sicherlich bis 2014 sehr verstärken. Die Zukunft aber gehört aller Voraussicht nach den Erstgenannten.

Diesen jungen Springern aber fehlt es nicht nur bei der aktuellen Vierschanzentournee an Konstanz.

Die fehlende Konstanz bei jungen Springern gibt es weltweit. Welche Nation hat sie denn? Nur Österreich gelingt es immer wieder, weil dort aus meiner Sicht das beste Gesamtsystem vorhanden ist. Allen anderen Ländern gelingt es eigentlich nicht, konstant junge Leute zu etablieren. Weder Norwegen noch Russland oder Slowenien. Bundestrainer Werner Schuster und ich haben auch von Anfang an versucht, junge Leute einzubauen, das ist oft ein bisschen untergegangen.

Von außen hat man aber seit einigen Jahren den Eindruck, dass im deutschen Skispringen nichts so richtig vorwärts geht.

Das ist aber eine sehr oberflächliche Betrachtungsweise. Letztes Jahr war Pascal Bodmer als 19-Jähriger Achter der Vierschanzentournee. Und Andreas Wank als 21-Jähriger hat mit der Mannschaft die Silbermedaille bei den Olympischen Spielen geholt. Welche Nation hat das – außer Österreich? Klar wäre es uns lieber, wir hätten einen Gregor Schlierenzauer. Aber den können wir uns nicht backen, den müssen wir selber entwickeln und das braucht Strategie, Konzept – und Geduld.

Ist die deutsche Öffentlichkeit aufgrund vergangener Erfolge zu ungeduldig und erfolgsverwöhnt?

Die Messlatte liegt hoch, dessen sind wir uns bewusst. Es ist auch unbestritten, dass es unser finaler Anspruch ist, ganz oben dabei zu sein. Wir geben uns nicht mit einem sechsten oder achten Platz zufrieden. Aber wir müssen sehen, wo wir herkommen. Der Skisprung hatte sich stetig nach unten entwickelt, bei allen Kennzahlen. Im Jahr 2002 gab es noch 50 deutsche Top-Ten-Plätze, dann 45, 35, 20, 15, 13. Das war die Entwicklung bis 2008 …

…, als Sie angefangen haben.

Damals hat mir ein Mitarbeiter eines wissenschaftlichen Institutes, das schon lange mit dem DSV zusammenarbeitet, gesagt: Sie springen auf einen fahrenden Zug auf, an dem die Bremsen kaputt sind. Machen Sie das nicht.

Es wurde Ihnen abgeraten, den Job zu übernehmen?

Von manchen Leuten schon. Weil sie gesagt haben, das ist so verworren. Ich wollte es nicht glauben, aber es war so. Es war eine große Zerstrittenheit da, in der gesamten Trainerschaft, in den Stützpunkten. Das auf einer persönlichen kommunikativen Ebene aufzuweichen, wieder Vertrauen zu schaffen, das braucht Zeit. Es ist nicht in der Ergebnisliste messbar, wenn sich solche Atmosphären wieder verbessern, aber das ist der Grundstock, dass wieder etwas entstehen kann.

Das Skispringen war einmal die Nummer eins im Deutschen Skiverband. Liegt es nun hinter Biathlon und Ski Alpin auf Platz drei?

Das kann man so nicht sagen. Woran will man das messen?

Am Finanzbudget zum Beispiel.

Der DSV verdient am Biathlon sogar relativ wenig. Weil die Fernsehgelder zentral über den Weltverband, die Internationale Biathlon-Union, vermarktet werden, und nur Bruchteile davon dem Verband zukommen. Hier bei der Vierschanzentournee ist das ganz anders.

Das heißt, das Skispringen ist für den DSV allein schon deshalb sehr wichtig, weil es viel Geld bringt?

Vor allem für den Fernsehvertrag.

Hätte man nicht auch deshalb den sportlichen Umbruch schon früher machen müssen, damit sich die Erfolge auch wieder früher einstellen?

Ein Radikalschnitt hilft uns nicht weiter. Was hätten denn die Journalisten geschrieben, wenn wir in Vancouver bei den Olympischen Spielen mit vier jungen Leuten Achter geworden wären?

Das wären erstmal böse Schlagzeilen geworden.

Eben, die hätten uns null weitergeholfen. Die hätten nur Druck ausgeübt auf alle. Die Floskel „Wir bauen jetzt ein junges Team auf und kriegen Zeit“, die funktioniert nicht. Es wird immer Leistung zählen. Wir hatten ja mit Bodmer und Wank zwei junge Leute bei Olympia dabei. Und es werden peu à peu immer mehr werden.

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