Skispringen : Formel mit Fairnessfaktor

Künftig sollen beim Skispringen nicht mehr nur Haltung und Weite, sondern auch Wind und Anlauflänge in die Wertung einfließen

Benedikt Voigt[München]
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Höchste Mathematik. Früher konnte man an der Weite erkennen, welche Platzierung ein Skispringer (hier: Martin Schmitt) erreicht...epa Keystone

Gregor Schlierenzauer flog und flog und flog. Über 150,5 Meter zog sich Anfang Dezember in Lillehammer der Flug des österreichischen Skispringers, weit über jene Marke hinaus, die Simon Ammann unmittelbar vor ihm gesetzt hatte und die mit 146 Metern als neuer Schanzenrekord nicht gerade ein kurzer Hüpfer gewesen war. Schlierenzauer aber segelte noch weiter. Über jenen Bereich hinaus, an dem der Hang den Flug des Skispringers aufnimmt und ihn sanft in die Abfahrt hinüberleitet. Dorthin, wo der Hang keinen Radius mehr besitzt, wo sich der Untergrund dem Skispringer so gnadenlos nähert, als wäre er ein Fallschirmspringer, dessen Schirm nicht aufgegangen ist. Hilflos knallte Schlierenzauer auf den Boden, stürzte, aber verletzte sich nicht. Es dauerte nicht lange, bis die ersten Stimmen laut wurden, die sagten: Mit den neuen Regeln wäre das wohl nicht passiert.

„Nach den neuen Regeln kann die Jury besser reagieren, weil sie besser schützend eingreifen kann“, sagt Gerd Siegmund, Manager des deutschen Skispringers Michael Uhrmann und Eurosport-Skisprung-Kommentator. Dabei wird die Sprungweite in einer komplizierten mathematischen Formel mit Wind, Anlauf-Luke und Haltungsnoten verrechnet. Die Formel macht das Springen gerechter, weil die unterschiedlichen Windverhältnisse berücksichtigt werden. „Es erhöht den Fairnessfaktor“, sagt Dieter Thoma, Skisprungexperte des ZDF. Erstmals kam das neue Reglement im Sommer zur Anwendung. „Da sind alle Wettkämpfe sehr gut gelaufen“, sagt Gerd Siegmund. Weil sich die Österreicher gegen die neuen Regeln ausgesprochen haben, wird in diesem Winter erst ab dem Start der Teamtour am 29. Januar in einer Testphase nach der neuen Formel gesprungen. Bei den Olympischen Spielen und bei der Vierschanzentournee, die am 29. Dezember in Oberstdorf beginnt, gelten noch die alten Regeln. Womöglich zum letzten Mal. „Mittelfristig werden die neuen Regeln kommen“, sagt Gerd Siegmund. In der Nordischen Kombination werden sie bereits angewendet, mit Erfolg. Eine Entscheidung für die Spezialspringer fällt der Internationale Skiverband nach dieser Saison.

In Lillehammer hatte die Jury nach den alten Regeln entscheiden müssen: Lässt man diesen einen, letzten Springer noch runter, mit der Gefahr, dass er womöglich in den verletzungsträchtigen Bereich springt? Oder geht man beim Anlauf um zwei bis drei Luken nach unten, mit der Garantie, dass der letzte Springer nicht mehr in den gefährlichen Bereich springen kann – und muss aber den gesamten Durchgang mit 29 Springern wiederholen? Die Jury entschied sich, Schlierenzauer springen zu lassen.

„Nach den neuen Regeln hätte die Jury sagen können, wir gehen bei Schlierenzauer um zwei, drei Luken nach unten“, sagt Dieter Thoma. Der kürzere Anlauf wäre dann in Schlierenzauers Wertung als Pluspunkte vermerkt worden. Mit einem weiten, aber nicht sehr weiten Sprung hätte er sogar immer noch gewinnen können. Nach den neuen Regeln gehören Abbrüche ganzer Durchgänge und deren Wiederholung der Vergangenheit an. Das wäre auch ein positiver Effekt für die Fernsehsender: Sie hätten eine bessere Planungssicherheit, weil ein Durchgang nicht wegen wechselnder Windbedingungen neu angesetzt werden muss.

Walter Hofer aber gefällt dieser Schlierenzauer-Vergleich nicht. Nichts liegt dem Skisprung-Chef des Weltskiverbandes ferner, als dass bei der in der kommenden Woche beginnenden Vierschanzentournee ein virtueller Sieger, der nach den neuen Regeln gewonnen hätte, gefunden wird. „Es ist nicht statthaft, das zu vergleichen“, sagt Walter Hofer, „die Startfreigabe der Springer ist jeweils unterschiedlich geregelt, das sind unterschiedliche Wettkämpfe.“ Schwierig wird es allerdings für die Zuschauer, die neue Regel zu verstehen. Denn nicht immer gewinnt der, der auch am weitesten springt, mitunter gewinnt auch der, der unter widrigen Windbedingungen weit springt. Die Verantwortlichen sind optimistisch. „In der Nordischen Kombination funktioniert es bereits ganz gut“, sagt Walter Hofer. Und auch Gerd Siegmund sagt: „Der Zuschauer ist nicht dumm, er wird die neuen Regeln lernen wie wir auch.“

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