Skispringen : Jetzt wird’s eng

Zum Start der Weltcup-Saison wurden die Anzüge der Skispringer wieder einmal verändert. Die Deutschen kommen bisher gut damit zurecht.

Klaus-Eckhard Jost
V wie Vielflieger. Andreas Wank hat seine Leistungen stabilisiert und ist die neue Hoffnung im deutschen Skisprung-Team.
V wie Vielflieger. Andreas Wank hat seine Leistungen stabilisiert und ist die neue Hoffnung im deutschen Skisprung-Team.Foto: dpa

Berlin - Für den Zuschauer ist die Veränderung kaum zu sehen, für die Athleten ist sie aber gravierend. Die Anzüge der Skispringer sind in der neuen Saison, die an diesem Wochenende mit dem Weltcup im norwegischen Lillehammer beginnt, wesentlich enger. Im vergangenen Winter durften die Anzüge laut Regelwerk maximal sechs Zentimeter breiter als der Körperumfang sein. Dann gab es eine Regeländerung, der Anzug musste ganz eng am Körper anliegen. Inzwischen ist auch diese Vorschrift Geschichte, am Wochenende gehen die Springer mit Anzügen an den Start, die einen maximalen Spielraum von zwei Zentimetern haben dürfen.

Natürlich stieß dieses geänderte Reglement bei den Springern nicht auf ungeteilte Zustimmung. „Ein veränderter Faktor zieht eine Kettenreaktion nach sich“, analysierte Bundestrainer Werner Schuster. Für Skisprung-Renndirektor Walter Hofer sind kritische Stimmen eine Selbstverständlichkeit. „Es ist doch klar, dass sich diejenigen über jede Änderung beschweren, die ihr erfolgreiches System durcheinandergebracht bekommen“, sagte der Österreicher. Speziell seine beiden Landsleute Gregor Schlierenzauer und Thomas Morgenstern hatten im Sommer größere Umstellungsschwierigkeiten. Doch mit der Anzahl der Sprünge fanden sie zu alter, stabiler Form zurück. „Die Qualität dieser beiden Springer wird jede Regeländerung überstehen“, urteilt Dieter Thoma, Skisprung-Experte in der ARD.

Der schlankere Schnitt der Anzüge verlangt von den Springern zunächst eine gewaltige Umstellung. Statt sich auf die aerodynamische Tragfähigkeit zu verlassen, kommt dem dynamischen Absprung eine größere Bedeutung zu. Bestens zurecht mit den neuen Kleidern kamen von Anfang an die deutschen Springer. Sichtbares Zeichen dafür war der Sieg von Andreas Wank in der Gesamtwertung des Sommer-Grand-Prix. Der 24-jährige Thüringer, der seit zwei Jahren in Breitnau im Schwarzwald lebt, möchte dieses Ergebnis aber nicht überbewerten. „Dieser Erfolg ist schön, aber nicht wichtig“, sagt er gebetsmühlenhaft.

Für Bundestrainer Schuster sind diese Aussagen ein Beleg für Wanks gewonnene Reife. Trotzdem freut er sich über die Entwicklung seines Springers, der in den vergangenen Jahren immer wieder Rückschläge hinnehmen musste. Mit einem stabilen Wank hat er nun neben Richard Freitag und Severin Freund einen weiteren Kandidaten für einen Weltcupsieg. Besonders Severin Freund fühlt sich vor dem Saisonstart bestens gerüstet. „Von Jahr zu Jahr wird es entspannter“, sagt der 24-Jährige, „weil man alles schon erlebt hat.“ Selbst eine Bandscheibenoperation im Sommer brachte ihn nicht aus der Ruhe. Der überlegene Sieg beim letzten Sommerspringen in Klingenthal gab ihm zusätzlich Selbstvertrauen. Nicht nur er schöpft Sicherheit aus der neuen Stärke der deutschen Mannschaft. „Ganz klar ist es einfacher, dass ich nicht mehr der Einzige im Team bin, der um den Sieg mitspringen kann“, sagt er. Es gebe einfach Tage, an denen einfach nichts klappt. „Dann ist es beruhigend, dass noch zwei im Team sind, die vorne dabei sind.“ Man könne dann in Ruhe im Hotel den Wettkampf analysieren und „muss das schlechte Ergebnis nicht auch noch öffentlich verantworten“.

Natürlich ist auch Bundestrainer Werner Schuster glücklich, wieder ein Weltklasse-Trio zu haben. „Platz zwei im Nationencup mit reduziertem Abstand zu Österreich“ gibt er als Saisonziel aus. Gleichzeitig erleichtert ihm diese Stärke des Teams auch den Aufbau einer neuen Generation. Andreas Wellinger, Karl Geiger und Danny Queck haben ihr Talent bereits vereinzelt unter Beweis stellen können. Mit der Entscheidung im Kampf um den Gesamt-Weltcup werden sie noch nichts zu tun haben.

In diesem Jahr der Veränderungen scheint das Rennen um die große Kristallkugel so offen wie lange nicht mehr. Ins Spiel bringt sich auch ein alter Bekannter. Wolfgang Loitzl, mittlerweile 32 Jahre alt, sagt nach einigen Siegen im zweitklassigen Continental-Cup: „Das neue Reglement kommt mir entgegen, die Anzüge bringen mich in eine gute Position.“ Doch ob der Sieger der Vierschanzentournee 2009 wirklich den Sprung nach ganz vorne schafft, darf bezweifelt werden. Deutlich höher einzuschätzen sind Titelverteidiger Anders Bardal aus Norwegen sowie Schlierenzauer und Morgenstern.

Oder doch ein deutscher Springer? „Eine seriöse Prognose ist erst ab der Mitte der Saison möglich“, sagt Bundestrainer Schuster. Und auch Dieter Thoma, sonst ein Freund des klaren Wortes, ist vorsichtig: „Eine Prognose wäre nicht seriös, man müsste dazu eher in eine Kugel schauen.“

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